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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1911-01-01 · 1911 · page 70

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1911
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 70)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273603--1620-2275404
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— ~ 70 - Schon der erste Aufsatz in dieser Zeitschrift zeigt uns den ganzen Mann. Es gilt in diesem das Judentum unserer Zeit und die Bestrebungen in ihm zu erkennen. Lassen Sie mich einige Gedanken aus demselben anführen. Durch seine traurige Geschichte, so führt Geiger aus, musste das Judentum hinter der Zeit zurückbleiben. In Folge dessen ist der Geist aus seiner Lehre geschwunden und die Form hat an Schönheit verloren. Darum ist hier die Kluft zwischen dem Bestehenden und dem, wie es sein soll, grösser als anderswo. Zuder herrschenden Verwirrung haben die Theologen nicht wenig beigetragen. Die einen durch ihr krampfhaftes Festhalten am Alten, die andern dadurch, „dass sie das Heft der fortschreitenden Ansichten Männern, die oft der Religion nicht gehörig kundig waren und sich im leichten Geschwätze der Aufklärerei ergingen, in die Hände gaben." Hier haben wir die kräftigste Absage an den Aufklärungsfanatismus. Geiger verlangt historische Erkenntnis. Nur diese kann zum Ziele führen. Darum ruft er aus: „Wir bedürfen der Männer, die da nachweisen, wie allmählig das Judentum zu dem geworden, was es ist, die sich nicht scheuen, gegen den befangenen Glauben mit Gründen darzutun, dass gar Vieles nicht Uebeiiieferung, nicht durch richtige Exegese Eruiertes ist, sondern in der Zeit entstandenes, was auch die Zeit wieder aufzuheben vermag; wir bedürfen der Männer, die den Anpassungen unwissender Reformer, wie dem böswilligen Spotte Andersglaubender entgegenzutreten wissen, und dazu nützt Mundverzerren nicht, da gilt der glaubensbegeisterte Mut." Eine solche Sprache führt der 25-jährige Geiger. — Und weil er glaubensbegeisterten Mut fordert, darum stellt er den Kampf um die Emanzipation nicht in den Mittelpunkt seiner Bestrebungen. Für ihn galt es in erster Linie, das Judentum zu reinigen und zu läutern, seine Wurzeln aufs neue zu befestigen, um Ehrfurcht vor der Religion bei ihren Bekennern zu erwecken. Die religiöse Freiheit muss die Vorstufe der bürgerlichen bilden. Nur in dieser Weise kann dem Missbrauch der politischen Freiheit vorgebeugt werden. Das stand Geiger klar vor Augen. Darum sagt er: „Nicht Emanzipation, sondern Reform ist die Frage unserer Zeit, obwohl freilich erstere einen zu bedeutenden Einfluss übt

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