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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1911-01-01 · 1911 · page 69

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1911
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 69)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273603--1619-2275403
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— 69 — Diese Höhe zu ersteigen ist ihm indes nicht leicht geworden. Ein Gesetz demjenigen der organischen Entwicklung ähnlich, scheint es zu verlangen, dass auch das geistige Lehen des Menschen im kleinen Massstahe die Stadien der vergangenen Generation durchmache. — Auch Geiger war diesem Gesetze der Entwickelung unterworfen. — In dem ersten Stadium seines Werdens und Wachsens, in seiner Sturm- und Drangperiode ist auch er ein eifriger,Jünger der Aufklärung. Die Vernunft war auch ihm der einzige Massstab für Wissen und Glauben. Mit ihr und nur mit ihr glaubte er einen sicheren Ankergrund zu finden in dem wogenden Meere der Möglichkeiten. Was nicht vor der Vernunft bestehen konnte, wurde daher aufs entschiedenste verworfen. — Da trat plötzlich im Jahre 1832 ein Ereignis ein, das für sein Lebenswerk epochemachend werden sollte. Zunzens wissenschaftliche Tat, seine „gottesdienstlichen Vorträge," rüttelten mächtig an dem Luftschloss des jungen Rationalisten und trugen nicht wenig dazu bei, die elektrische Strömung, die sich in seiner Brust angesammelt hatte, auszulösen. Abraham Geigers Jugendfreund Josef Derenhourg schildert uns die Wirkung der Lektüre des Zunz'schen Buches mit folgenden Worten: „In das dunkle Chaos eines 1000jährigen Schrifttums strömte ein ungeahntes Licht und die zerstreuten Elemente ordneten sich und fügten sich zu einem wohlgeregelten Ganzen. Zunz hatte das Schöpferwort gesprochen. Geiger und ich, wir waren entzückt, wir fühlten uns geistig gehoben als Menschen und Juden. Die Brücke von den biblischen Schriften bis auf die Gegenwart war gebaut, die Strebepfeiler, welche sie trugen, waren nicht alle von gleichem Ebenmasse, aber der Weg war gebahnt. Geiger schritt auf ihm voran." — Jetzt erst ist er sich über seinen Lebensplan klargeworden, jetzt erst reift in ihm die Erkenntnis, dass die Vernunft in der Geschichte etwas anderes ist, als die Vernunft der Gegenwart und dass das lebende Geschlecht nicht das einzige Mass der Dinge sein darf. Und dieser neuen Erkenntnis, der historischen Entwickelung des Judentums in allen seinen Phasen nachzugehen, sollte fortan sein Leben gewidmet sein. Im Jahre 1835 schafft er sich in seiner „wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie" ein Organ für seine Forschungen und Bestrebungen.

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