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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1911-01-01 · 1911 · page 68

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1911
Date
1911-01-01
Page
– (sequence 68)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273603--1618-2275402
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— 68 — sollten zur Kenntnis und Erkenntnis des Judentums. Darum hat ihn die abstrakte Wissenschaft nie vom Lehen abzuwenden vermocht. Ich meine vom jüdischen LebeD, von der Religion Israels. Was er in der jüdischen Vergangenheit vorfand, war für ihü Stoff, den er in sich aufnahm, um denselben als Material für den Ausbau der jüdischen Lehre zu verarbeiten. In der Vorrede zu seinem Hauptwerk „Die Urschrift" sagt er darüber Folgendes: „Was die Wissenschaft als eine geschichtliche Wahrheit für die Vergangenheit aufnimmt, das muss sie dann auch als einen neuen Fruchtkeim ausstreuen für die Fortentwicklung des Judentums. Wenn der Boden der Geschichte aufgelockert wird und die Mächte nachgewiesen werden, die unablässig an ihr gearbeitet haben, so muss auch weiter der geschichtliche Trieb wieder lebendig werden und der Lebenssaft weiter den Stamm durchströmen, um in neuer Frische geistige Früchte zu erzeugen. Die Erstarrung, der Tod eines jeden wahren religiösen Lebens, sich stützend auf die angebliche Abgeschlossenheit, welche einmütig bezeugt werde, muss der Erkenntnis der geschichtlichen Bewegung weichen." — Freilich — und das hat auch Geiger gewusst — kann die Erkenntnis der geschichtlichen Bewegung, kann Wissenschaft überhaupt nicht fromm machen, nicht religiös stimmen, nicht religiöse Gefühle wecken. Erkennen ist noch nicht Können, moralisch können. Allein, indem die Wissenschaft das Werden und das Gewordene in der Vergangenheit zeigt, indem sie uns das Gesetz der Entwicklung vor Augen hält, hilft sie uns Vergängliches vom Ewigen zu scheiden und so wird sie zur segensreichen Waffe in unserer Hand im Kampfe gegen Unglauben und Aberglauben. Auf das Centrale der Religion hinweisend, bahnt sie eine glücklichere Zukunft an, in der diese Himmelstochter wieder der Trost der Schwachen und die Stärke der Starken sein wird. Das meint Geiger mit seinen Worten: „Durch Erforschung des Einzelnen zur Erkenntnis des Allgemeinen, durch Kenntnis der Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart, durch Wissen zum Glauben!" — Und weil er die Wissenschaft vom Leben nicht trennen, weil er die Resultate der Wissenschaft für das religiöse Leben der jüdischen Gesamtheit fruchtbar machen wollte, darum ist Geiger ein Regenerator des modernen Judentums, der zielbewussteste Wegebereiter der Religion der Zukunft geworden.

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