Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 67)
- Language
- German
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2. Rede des Rabbiners Professors Dr. Gustav Klein. Des Menschen Geschichte ist sein Charakter, damit sagt Goethe, dass der Charakter die Geschichte macht, nicht umgekehrt, dass die Geschichte den Charakter macht. Abraham Geiger, dessen Andenken unsere Feier gilt, ist durch seinen Charakter für uns ein Baum geworden, gepflanzt an Wasserbächen, dessen Blätter nicht verwelken und dessen Früchte auch spätere Geschlechter laben werden. . . . Wenn der heilige Sänger vom Heiligen Israels singt: „Liebe und Wahrheit gehen vor Dir her," so können wir, die wir seines Geistes Hauch verspürt, von Abraham Geiger sagen, dass er in den Wegen Gottes gewandelt und dass Liebe und Wahrheit die Edelsteine waren, die seine priesterliche Brust geschmückt. Ja, Liebe und Wahrheit gingen vor ihm her. Das waren die Pole, nach denen sein Kompass zeigte. Das die starken, lebenskräftigen Wurzeln, aus denen seine in sich selbst ruhende, gefestete, edle Persönlichkeit hervorgegangen ist. Das die Grundelemente seines Charakters, wie sie sich in seiner Wissenschaft und in seinem Leben offenbaren. Und kraft dieses Charakters war er dazu prädistiniert scheinbar unverträgliche Eigenschaften in sich zu vereinigen: die Eigenschaft des einsamen, in seine wissenschaftlichen Probleme vertieften Gelehrten, dem die Erforschung und Erkenntnis der Wahrheit über alles ging; ferner die Eigenschaft, des im Mittelpunkt der gegenseitig sich bekämpfenden Parteien stehenden tapferen Mannes, der den Mut der Wahrheit hatte und unentwegt in Wort und Schrift zu dem stand, was er als wahr und recht erkannt hatte. Ja, das war das Eigenartige an Geiger, dem wir unsere Bewunderung zollen müssen, dass es ihm nie um seine Person, sondern immer nur um die Sache zu tun war, dass seine glänzende wissenschaftliche Begabung und immense Gelehrsamkeit nur als Mittel dienen