Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
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— 62 — Auch die Rabbinerversammlungen verdanken Geiger ihre Entstehung. Zur ersten, nicht öffentlichen, hatte er nach Wiesbaden, seiner Gemeinde, eingeladen*); an den späteren nahm er in leitender Stellung und als Berichterstatter über wichtige Fragen hervorragenden Anteil. „Das Judentum muss seinem innersten Wesen, seinen schaffenden Ideen, seiner geschichtlichen Bildung nach erkannt werden; geläuterte Ueberzeugungen gilt es zu verbreiten und zu vertiefen"2); das war Geigers Grundsatz. Solche Aufgaben vermochte nur eine rastlose zielbewusste wissenschaftliche Arbeit zu erfüllen. Darum lautete Geigers Forderung an der Spitze des zweiten Jahrgangs seiner Zeitschrift3): „Die Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät, ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit"! Die neuen Verhältnisse hatten den alten jüdischen Lehrstätten ein Ende bereitet, hatten neue Aufgaben für die jüdische Wissenschaft gebracht. Die einseitige und ausschliessliche Ausbildung im Talmud, deren verkehrter Richtung sich selbst die Bibelforschung unterordnete, genügte nicht mehr. Der erweiterte geistige Horizont, die gesteigerte allgemeine Bildung erforderten neue Disziplinen, neue Methoden. Die innere Bewegung im Judentum drängte neue Probleme in den Vordergrund, den hergebrachten Dogmatismus löste die Kritik ab. Die Fragen häuften sich, ihre Lösung durfte nicht dem Zufall, nicht den Männern des praktischen Berufes überlassen werden» Sollte die Wissenschaft wahren Segen stiften, dann musste eine Stätte gegründet werden, die ihrer Pflege gewidmet war, mussten Männer berufen werden, die unabhängig und ungehindert sich lediglich der freien Forschung widmeten. Frei nicht in dem Sinne, als müsse sie durchaus reformatorische Ansichten erzeugen. „Dies liegt, so schreibt Geiger, in dieser Bezeichnung nicht. Möge der redlichen Forschung Ergebnis sein, welches es wolle, es wird nach einer Seite hin erleuchten: aber frei soll die Wissenschaft sein von allen Beengungen, welche das praktische Amt auferlegt, wo man sich scheu umsieht, ob man dieses Wort aussprechen darf, aus Furcht, das Zutrauen zu verlieren, jene Wahrheit *) Wiss. Zeitschr. m, S. 313, Nachgel. Sehr. V, S. 97—101. *) Jüd. Zeitschr. m, S. 264. «) Wissenseh. Zeitschr. n, S. lff. Vgl auch Geiger, Ueber die Errichtung einer jüd. theoL Facultät, Wiesbaden 1838.