Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
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— 60 — geistigen Strömungen, und dass die herrschende Geistesrichtung in der Auslegung oder Uebertragung der heiligen Schrift Ausdruck suchte, wurde für die Bibelforschung sowie für die Kritik des biblischen Textes überaus anregend. Noch eindrucksvoller aber waren die in derselben Schrift niedergelegten Studien über das nachbiblische Judentum, über die Sektenbildung innerhalb der jüdischen Religionsgemeinde, über die Entstehung und Ausbildung des Talmudismus. Geiger hat als Erster die inneren Beziehungen der nach ihrer Entstehungszeit und der Art ihres Auftretens scheinbar verschiedenen jüdischen Sekten und ihren Zusammenhang mit der alten Ueberliefemng nachgewiesen. Er war es, der das Wesen und den Ursprung der S a d d u z ä e r zuerst richtig und, man darf wohl sagen, abschliessend dargestellt hat. Durch nachträgliche Funde alter Dokumente hat seine Theorie volle Bestätigung erlangt. Es ist Geigers Verdienst, dass die langgeschmähten Pharisäer zu ihrem Rechte kamen, dass sie als die Partei der Reform und des Fortschritts erkannt wurden, als die Partei, die den Individualismus in der Religion geschaffen, die die Würde und Weihe der Religion für alle ihre Bekenner in Anspruch nahm, die den Satz verfocht, dass: „Allen ist gegeben das Erbe, das Königreich, das Priestertum und die Heiligung." Eine so völlig neue Auffassung der Parteien musste eine tiefere Erkenntnis jener Epoche anbahnen, die sie bewegenden geistigen Strömungen traten zu Tage, die Triebfedern zur Spaltung der Richtungen wurden aufgedeckt. Darauf baute sich die Forschung über die Entstehung des Christentums auf, daraus ergab sich eine neue Anschauung von der Entwicklung des späteren Judentums. In den verbreiteten Quellen herrschen die siegreich gebliebenen Ideen vor, sie werden als die von jeher giltigen dargestellt, zu einem Einblick in den Verlauf der Geschichte verhilft nur eine kritische Prüfung der Quellen, die Heranziehung des wenig beachteten oder absichtlich zurückgedrängten Materials. Die alte und die neue Halacha, die Unterscheidung von mehreren nach ihrer Entstehungszeit und ihren Gedankengängen verschiedenen Schichten im Talmud, die Zuweisung der apokryphischen Schriften an die einzelnen Richtungen, das sind die neuen Gesichtspunkte, die für die Erkenntnis der Entwicklung des Judentums, seiner Entschränkung und Wiedereinschränkung geltend gemacht wurden.