Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
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— 57 — den Kampf geführt, einen Kampf, der nicht immer frei von Schärfe blieb und eine Zeit lang die deutsche Judenheit in zwei feindliche Lager zu spalten drohte. Dem Ausgleich dieser Lehre mit dem Leben (und das ist der Sinn dieser häufig zitierten Worte) war seine Tätigkeit als Rabbiner und als Reformator geweiht. Es galt, diese Theorie für die tausend Fragen des täglichen Lebens zur Anwendung zu bringen, wo häufig Gewohnheit und Pietät, wo entgegenstehende wissenschaftliche Werturteile ihr gegenübertraten. Und die praktischen Folgerungen aus den Reformideen wurden vielfach weit rascher und weit radikaler gezogen, als deren wissenschaftliche Verfechter für gut hielten. Geiger hat die Kraft des Hergebrachten unstreitig vielfach unterschätzt. Er hat mit genialem Blick das Werden und Wachsen überschaut und dabei übersehen, dass das Wachstum der Jahrhunderte selbst eine reale Macht wird, die in den Organismus sich einfügt, im Gemüt sich verankert und nachhaltig weiter wirkt. Er hatte den Blick auf die deutsche Judenheit gerichtet und zu wenig Auge für das der Gesamtheit Gemeinsame. Es war eine schwere Aufgabe, die es zu bewältigen galt, bei der er Gegner auf beiden Seiten traf, weil er den einen zu sehr vom Alten abwich, den andern nicht weit genug ging. Eine Aufgabe, die auch heute noch nicht befriedigend gelöst ist, für deren Erfüllung viel edle Kraft aufgeboten wird. Wenn die Gedankengänge Geigers uns hierbei vertraut erscheinen, so ist das ein Beweis, dass sie sich durchgesetzt haben. Aber wie man auch immer zu den Einzelheiten stehen mag — und Geiger fordert nicht, dass man ihm auf allen Wegen blindlings folge —, das Verdienst bleibt Geiger unbestritten, dass er zum ersten Male die Probleme scharf gefasst, die Frage deutlich gestellt und die Lösung auf historischem Boden angebahnt hat. Die Wissenschaft muss ihm Dank dafür wissen, dass er mit dem Dogmatismus im Judentum gebrochen, dass er die Fragen der Offenbarung und der Tradition, des Gottesdienstes und des Zeremonialgesetzes vor den Richterstuhl der historischen Kritik gezogen hat, dass er dadurch die ewigen Ideen des Judentums wieder zur Anerkennung gebracht, der Religion eine wesentliche Vertiefung gegeben hat.