Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
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— 56 - Hiess denn aber die Form beseitigen nicht: dem Judentum sein Wesen nehmen, das was allgemein für sein Wesen galt, vernichten? Hier setzt Geigers geschichtliche Betrachtungsweise ein, die zugleich den Kernpunkt seiner Theologie bildet: dass nämlich das Bestehende ein Gewordenes ist, dass es nicht von Anfang an vorhanden gewesen, sondern allmählich erst sich gestaltet hat, dass es auf einer ewigen Grundlage ruht, aber im Laufe der Zeit durch innere und äussere Verhältnisse mannigfaltige Ansätze erhalten, mannigfache Veränderungen erlitten hat, dass insbesondere auch die unglückliche Lage der Juden höchst ungünstige Bedingungen für eine freie, gesunde Entwicklung des Judentums geschaffen hatte.1) Mit dieser Anschauung fiel der hergebrachte Begriff der Tradition. Galt die Tradition bis dahin als die Ueberlieferung einer Gott entstammten, von Mann zu Mann, von Geschlecht zu Geschlecht wörtlich mitgeteilten mündlichen Lehre, so setzte Geiger dem eine neue Auffassung gegenüber. Er betrachtet sie als „den innerlich fortwirkenden, schöpferischen, umgestaltenden Geist, wie er im Judentum erweckt worden, zum Ausdruck gelangt ist und fortlebt. Die von diesem Geiste erzeugte Bewegung ist daher höchst beachtenswert, weil sie die Manifestation des inneren Grundtriebes bleibt. Andererseits aber können ihre Aeusserungen nur einen relativen Wert beanspruchen, da sie immer nur in zeitlich bedingter Ausprägung hervortreten, daher auch in der Entwicklung der Zeiten, bei der Läuterung der Erkenntnis, beim Wechsel der Anforderungen auch einer Umgestaltung, einer neuen lebendigen Umprägung unterworfen sein muss und tatsächlich unterworfen ist"2). Diese Grundgedanken von Geigers Theologie3) haben im Judentum gezündet, die erschlafften Geister zu neuem Leben erweckt. Sie stellten ihn in die vorderste Reihe der Reformer, machten ihn zum anerkannten Führer derer, die einen Ausgleich des Judentums mit den zeitgenössischen Ideen auf historischer Basis erstrebten. Für diese Gedanken hat Geiger unerschrocken mit kühnem Wagemut vierzig Jahre lang in Wort und Schrift ») Vgl. das. IV, S. 321 ff. 2) Jüd. Zeitschr. IX, S. 262. ») Eine ausführliche Darstellung findet sich in „Ahr. Geiger, Leben und Lebenswerk" S. 286ff.