Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
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— 55 — dert Geiger seine Zeitgenossen, „herrschte eine scharf beleuchtende Kritik, die alles in Nichts auflöste, bei vielen eine alles niederreissende Aufklärerei, bei manchen ein Streben, alles Vorhandene mit den Anforderungen tiefen Nachdenkens zu einigen; vielfach eine falsche Pietät, die die Jugenderinnerungen nicht antasten wollte, endlich das Vorurteil, das allem Denken Tür und Tor verschloss" *). Es wurden Verbesserungen des Gottesdienstes versucht, kleine Mittel angewendet, ihn dem Geschmack der Zeit anzupassen, ihm die verlorene Schönheit und Würde wiederzugeben. Doch der Erfolg blieb aus, die Gleichgültigkeit und die Zerfahrenheit nahmen immer mehr zu; insbesondere das jüngere Geschlecht wuchs ohne jede Beziehung zur Religion heran in völliger Ignoranz, in einer spöttischen Gesinnung, gleichgiltig gegen alles Gute und Edle. Dieser allgemeinen Ratlosigkeit gegenüber erhob Geiger, nachdem er sich in langjährigen schweren Kämpfen zu dieser Ueberzeugung durchgerungen hatte, den Ruf nach Reform. Nicht nach kleinen, unbedeutenden Aenderungen; Umänderungen der Form waren nach seiner Anschauung erst mit der Aenderung des Geistes heilsam; verwerfen einer Form oder Annahme einer neuen, ehe der Geist eine andere Richtung erhalten hatte, hielt er für verkehrt. Sein Ruf nach Reform verlangte eine „umgeänderte, neue Gestalt, ein verjüngtes Leben, vom Geiste getränkte, durchdrungene Formen! Das Schwere, wie das Leichte, das Ganze wie das Einzelne soll Sinn und Bedeutung haben, soll den Geist erheben, das Herz erwärmen, damit es auf die ganze LebensäusserungEinfluss habe"2). Die ewige Idee des Judentums soll in den Vordergrund treten, die Formenstarrheit muss bekämpft werden. War bis dahin die Form über alles geschätzt, die äussere mechanische Handlung fast für identisch mit der Religion gehalten — hatte doch Moses Mendelssohn das Judentum für eine geoffenbarte Gesetzgebung und diese Gesetzgebung geradezu für unabänderlich erklärt —, so nahm Geiger den Kampf gegen die Form auf, einen unerbittlichen Kampf, der nicht enden sollte, bis nicht, wie er schreibt, „das Medusenhaupt der Formenstarrheit abgehauen ist"3). *) Wissensch. Zeitschr. für jüd. Theologie I, S. 4 vgl. das,, S. 289 f. 2) Das. II, S. 211. •) Das. UI, S. 314, vgl. S. lff.