Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1911
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
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- 54 — I. Geigers Grosstat war die Schöpfung der jüdischen Theologie. Es gibt Probleme, auf deren Lösung ganze Zeitalter und starke Talente eine Fülle von Kraft verwenden, ohne ihrer Herr zu werden; dem Genie ist es gegeben, mühelos und einfach den Weg anzuzeigen, der aus dem Wirrsal herausführt. Ein solches überraschendes, befreiendes Wort, und das Genie hat seine Stellung für alle Zeiten erobert; es mag sich später vertiefen, an Erfahrung zunehmen, an Gelehrsamkeit gewinnen; das Bahnbrechende und Neue, das es zu schaffen berufen ist, verknüpft, sich mit der Frühzeit seines Auftretens. Geigers Zauberwort hiess „jüdische Theologie." Im jugendlichen Alter von fünfundzwanzig Jahren trat er mitten in die damaligen Wirren mit dem Begriffe der jüdischen Theologie, mit der Forderung einer modernen theologischen Auffassung vom Judentum. Was die Wissenschaft des Judentums kurz vorher begonnen hatte, die historische Kritik an einzelnen Epochen der Literatur, die Prüfung der Entwicklung einzelner religiöser Institutionen, das sollte auf das gesamte Judentum Anwendung finden. Die Forschung sollte nicht auf gelehrte Untersuchungen beschränkt bleiben, vielmehr auf das Leben fruchtbringend einwirken. Die Auffassung vom Judentum, die Stellung zur Keligion sollten in ihrem vollen Umfange von ihr beeimlusst und beherrscht werden. Seit fünfzig Jahren, seit dem Auftreten Moses Mendelssohns, war das Dasein des Judentums durch eine ernste Krisis bedroht. Der moderne, in die Kulturwelt gestellte, am Kulturleben der Völker teilnehmende Jude hatte die Beziehungen zum Judentum in seiner damaligen Form verloren. Die Juden waren aus der Absonderung herausgetreten, die Religion war im Ghetto geblieben; ihre Lehrer hielten an den alten Anschauungen fest, standen allen neuen Gedanken verständnislos gegenüber. Die tiefe Kluft, die sich zwischen der Lehre und dem Leben aufgetan hatte, galt es zu überbrücken. „Bei den einen, so senil-