Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 71)
- Language
- German
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— 72 — wie die Dinge gewesen sind, von der pragmatischen Geschichte abgelöst, die es sich angelegen sein lässt, aus den Ereignissen Belehrung zu schöpfen. Das chinesische „Buch der historischen Urkunden" soll die Grundsätze der politischen Ethik erläutern und erhärten; die Griechen wollen aus der- Geschichte die Lehren der Politik und die Regeln der Staatskunst ableiten; der Pragmatismus der israelitischen Historiker ist religiös-sittlicher Art. Die Propheten erklärten übereinstimmend das Ungemach der Zeiten als göttliche Strafe für die Sünden des Volkes: Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit, sittliche Verkommenheit grassierten überall, namentlich unter den führenden Ständen; der'prunkhafte Gottesdienst war ein Versuch, sich die Gunst Gottes durch Opfer und Lobpreisungen zu erwerben, während man seine Gesetze mit Füssen trat — sie meinten, Gott bestechen zu können! — die Feste auf den Höhen arteten in alle Greuel der Kanaaniter aus; man trotzte der Eifersucht Jahvehs, indem man fremde Götter neben ihm verehrte, sogar in soinem eigenen Tempel. Deshalb war der Untergang des Volkes besiegelt. Diese Weissagungen gingen denn auch in Erfüllung, zunächst für Israel, dann ein Jahrhundert später für Judah: die prophetische Deutung der Geschichte hatte sich bewahrheitet. Es lag nahe, diese Theorie auch auf die Vergangenheit anzuwenden, die Schicksale des Volkes aus seinem religiösen und sittlichen Verhalten zu erklären, aus Kalamitäten, besonders aus Verheerung des Landes durch Feinde, aus Eroberung und Unterdrückung auf Abfall von der Religion und Vernachlässigung ihrer Satzungen zu schliessen, aus Rettung in höchster Not auf Rückkehr zu Jahveh. In einer solchen einfachen pragmatischen Einrahmung sind die alten Richtergeschichten uns überliefert. Die feierliche Bekräftigung des Deuteronomiums als Staatsgesetz und die darauf fussenden Reformen Josiahs machen eine Epoche nicht allein in der Geschichte Judahs, sondern in der Geschichtsschreibung^ Von diesem Standpunkte aus, unter Anwendung des Massstabes des Gesetzes, wurde jetzt die Geschichte der beiden Reiche geschrieben. Die Hauptsünden, die wiederholt den Zorn Gottes herausforderten, waren die Verehrung anderer Götter und der Gottesdienst auf den Höhen. Das Verbot dieser Lokalkulte trat erst mit der Einweihung des (Salomonischen Tempels in Kraft, deshalb beginnt die neue Geschichte natürlich mit der Regierung Salomos. Der lehrhafte Zweck bedingt die Auswahl und Behandlung des Stoffes, die Tatsachen, die mit der Grundlehre stimmten,