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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1910-01-01 · 1910 · page 70

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1910
Date
1910-01-01
Page
– (sequence 70)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273601--1546-2275329
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— 71 — entscheidenden Wendepunkten zu erkennen war. In den alten Zeiten erschien Gott den Erzvätern in menschlicher Gestalt und redete mit ihnen wie ein Mensch mit seinen Freunden — so z. B., mit Abraham unter den Bäumen zu Mamre — oder er offenbarte sich in majestätischen Naturerscheinungen, wie am Sinai; aber auch in dem Kampfo Deborahs oder bei den Siegen Davids ist der Herr der Heerschaaren unter den Seinen. Er spricht durch seine Propheten, gibt Zeichen und tut Wunder, denn er ist ein lebendiger Gott. Aber von der blöden Wundersucht eines siechenden Glaubens ist die alte Geschichtsschreibung frei, das Eingreifen Gottes in die Natur oder die Geschichte trägt noch nicht den Stempel des Unnatürlichen. Die Rettung Israels am Roten Meere bewirkt Gott, indem er einen starken Ostwind blasen lässt, der die seichten Wasser zurückdrängt. Der späteren Vorstellung eines göttlichen Wunders entsprach diese einfache und natürliche Erzählung nicht; in den jüngeren Berichten teilen sich die Wasser unter dem Zauberstab des Führers und stauen sich auf beiden Seiten zu Mauern auf, zwischen denen die Israeliten das Meer durchziehen. Die älteste judäischc Geschichte bleibt für alle Zukunft unübertroffen: die hebräische Prosa hat in derselben ihre klassische Höhe erreicht, auch in der Kunst der Erzählung und im Verständnis für die inneren Motive der Geschichte ist sie allen anderen überlegen. Ihr am nächsten, in keinem grossen Abstand, kommt das israelitische Geschichtswerk, das im grossen und ganzen denselben Stoff vom Standpunkte der Nordstämme behandelt und für die Zeit von der Auswanderung Abrahams bis zum Untergang Sauls wenigstens teilweise erhalten ist. Beide Schriften sind bekanntlich nur in jüngerer Rezension, und mit einander sowie mit anderen Quellen verbunden, auf uns gekommen. Die älteste judäische Geschichte bricht jetzt mit dem Anfange der Regierung Salomos jäh ab. Es ist kaum anzunehmen, dass sie keine Fortsetzung über diesen Punkt hinaus gefunden hat. Wir begreifen wohl, dass in dem geordneten Königtum Quellen anderer Art, Hof- und Tempelannalen, Erlasse und Urkunden, dem Historiker zu Gebote standen, und dass der Gebrauch dieses Materials der Geschichtsschreibung ein etwas anderes Aussehen verleihen dürfte, aber das genügt nicht, die ganz andersartige Auffassung der Geschichte zu erklären, die in den Königsbüchern herrscht. Bei mehreren Völkern ist auf einer gewissen Stufe der Ent- \ Wickelung die berichtende Geschichte, die einfach erzählen will,

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