Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 69)
- Language
- German
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— 70 — Fluss zum Stocken, und es gehört keine geringe Uebung dazu, diese lähmende Wirkung der Feder zu überwinden. Auch ist das älteste hebräische Geschichtswerk keineswegs bloss der schriftliche Niederschlag von mündlichen Erzählungen, sondern die Gestaltung des Stoffes trägt den Stempel eines hervorragenden schriftstellerischen Talentes. Diese Geschichtsschreibung ist ferner durch eine merkwürdige Unbefangenheit gekennzeichnet. Bei aller warmen Teilnahme für David z. ß., legen gerade die ältesten, unter dem unmittelbaren Eindruck dieser zugleich imponierenden und bezaubernden Persönlichkeit entstandenen Berichte eine unerwartete Objektivität an den Tag; Davids Gegner, wie Saul, sind nicht herabgewürdigt, seine verhängnisvolle Schwäche in der Leitung seiner Familie, sein schweres Verbrechen in der Sache von Uriah, sind nicht vertuscht. Der vorzüglich unterrichtete Verfasser von II. Sam. 11 —I. Kön. 2 stand zweifellos dem Hofe sehr nahe, doch von höfischer Schmeichelei ist eben so wenig bei ihm zu merken wie von schimpflichem Hofklatsch. Andererseits aber unterstreicht er die Fehler der handelnden Personen nicht, geschweige denn, dass er sie zum Gegenstand moralisierender Betrachtungen macht. Er traut es dem Leser zu, selbst begreifen und beurteilen zu können. Dass er der schwierigen Aufgabe, die wirksamen Faktoren und den inneren Zusammenhang der Geschichte klar zu erkennen und darzustellen, gewachsen war, zeigt sich am deutlichsten in demselben Abschnitt. Von wahrhaft tragischer Wirkung ist die Verwickelung von Leidenschaft, Rachsucht, Ehrgeiz, die das Schicksal von Davids Haus herboibringt, während die Liebe des Vaters ihn immer und immer wieder für die herannahende Katastrophe blind macht. Nicht nur als Schriftsteller, sondern als Historiker also verdient der Verfasser der ältesten hebräischen Geschichte unsere Anerkennung; und daran ändert es nichts, dass ein grosser Teil seines Stoffes nicht im eigentlichen Sinne historisch ist, auch nicht, dass, was uns am wenigsten geschichtlich mundet — die heilige Sage — ihm wohl als am besten gesichert galt, ebensowenig wie wir aus ähnlichen Gründen Anstand nehmen, einen Livius Historiker zu nennen. Kritischer Geschichtsforscher war er allerdings Jucht,, und das dürfen wir uns zum Glücke rechnen, denn sonst wäre uns ein guter Teil des köstlichen Schatzes hebräischer Tradition verloren gegangen! Der Verfasser hegt den redlichen Glauben, dass die Hand Gottes in der Geschichte waltet, und dass sie namentlich an den