Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2273546-2273601--1544-2275327- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 69 - und Gefühle der beteiligten Personen zu gewähren, indem er sie vor uns natürlich sprechen und handeln lässt. Eine feine Einsicht, ein sicheres und aufrichtiges Mitempfinden, ist überall bemerkbar. Der abschreckende Apparat der psychologischen Analyse klappert nicht hinter den Kulissen; Effekthascherei, falsches Pathos, das Zielen auf die Sympathien seiner Leser ist ihm fremd, müsste seinem gesunden Sinn und Geschmack zuwider sein. Aber ich weiss nicht, wo in der Literatur menschliche Affekte naturgetreuer und deshalb rührender zum Ausdruck gelangen als in dem Schmerzensschrei Davids über Absalom, oder in dem Abschnitt, wo Joseph sich seinen Brüdern bekannt macht. Mit gleichem Geschick behandelt der Verfasser die verschiedenartigsten Stoffe — den Sünden fall, die Werbung von Abrahams Knecht um Rebekka, die List, durch welche Jakob seinen Bruder um das Recht des Erstgeborenen bringt, die derben Streiche, die Simson den Philistern spielt, Saul auf der Suche nach seines Vaters Eselinnen, die romantische Freundschaft Jonathans und Davids, den Zweikampf zwischen dem Schäferbuben und dem Riesen Goliath, die Umbringung des Uriah, den Aufstand Absaloms und seinen Tod, die Intrigaen, die Salomo auf den Thron bringen — das sind einige Beispiele, aufs Geratewohl aus der grossen Fülle herausgegriffen, die jeder nach Belieben vermehren kann. Mit einem glänzenden Stil verbinden die ältesten hebräischen Historiker also eine seltene Gabe und eine unübertroffene Kunst der Erzählung. Nur die besten griechischen Schriftsteller können es in dieser Beziehung mit ihnen aufnehmen. An Uerodot wird man vor allem denken, und wenn wir sagen, dass als Erzähler die unbekannten Verfasser des oben charakterisierten Werkes den Vergleich mit Herodot sehr gut aushalten können, so spenden wir ihnen wirklich kein geringes Lob. Eine solche Beherrschung der Sprache, ein solcher Prosastil, eine solche Darstellungskunst können nicht eine Improvisation über Nacht sein; sie setzen nicht nur einen langen Gebrauch der Sprache zu Erzählungszwecken voraus, sondern ein langes bewusstes Streben nach Formvollendung. Ohne Zweifel ist dieser Gebrauch grossenteils mündlich gewesen; die Traditionen, aus denen die ältesten Historiker schöpften, hatten nicht nur einen festen Inhalt, sondern zum Teil wenigstens eine feste Form. Ausschliesslich mündlich kann die Ausbildung des Stils aber nicht gewesen sein. Denn der Versuch, die Rede in Schrift umzusetzen, bringt von selbst den