Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 67)
- Language
- German
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— 68 — aas dringender Not. Ein zeitgenössisches Denkmal dieser Kämpfe besass man in dem herrlichen Siegeslied Deborahs; sonst sind von besonderem Interesse die Erzählungen über Gideon-Jerubbaal und das vorübergehende Stamm- oder Stadt-Königtum Abimelechs. Auch über die entferntere Vergangenheit wurden die wohl in erster Linie an die Kultstätten sich anschliessenden Traditionen eingeholt und geordnet— die ägyptische Knechtschaft, der Auszug und die Rettung am Roten Meer, der Bund am Gottesberg, die Wanderung in der Wüste, die Kriege im Ostjordanlande, die Eroberung und Ansiedelung Palästinas. Auf ähnliche Weise wurden die Erzvätersagen von Abraham bis Joseph in ein Ganzes vereinigt, und als Vorhalle dazu Mythen und Sagen über die Urgeschichte, teils palästinischen, teils fremden Ursprungs — der Gottesgarten und der Sündenfall, die grosse Sintflut, der Babelturm und die Zerstreuung der Menschen. So entstand ein einheitliches Geschiditswerk, das sich von dem Anfange der Menschheit bis zur Zeit Salomos erstreckte. Das Material war sehr ungleichartig und verteilte sich ungleichmässig über die verschiedenen Perioden; die Ueberlieferung war nicht stets einstimmig, spätere Schriftsteller haben nicht selten eine andere Passung vorgezogen. Aber, wie es sonst zu geschehen pflegt, die erste schriftliche Gesamtdarstellung hat der Tradition ein festes Gepräge gegeben, das für alle Nachfolger massgebend geworden ist. Auf kritische Fragen näher einzugehen, ist hier nicht angebracht: mag man über das Alter und die Entstehung der ältesten hebräischen Geschichtsschreibung anders denken, ihre Selbständigkeit und ihre trefflichen Eigenschaften bleiben bestehen. Die älteste hebräische Geschichte ist in einer völlig ausgebildeten Prosa geschrieben. Von der Ungelenkigkeit der ersten Versuche, einen Prosastil zu schaffen, ist hier nichts zu merken. Die Schriftsteller verfügen über einen reichen und mannigfaltigen Sprachschatz; der einfache hebräische Satzbau, der in ungeschickteren Händen leicht eintönig wirkt, zeigt sich hier geschmeidig und der verschiedensten Wendungen und Nuancen fähig. Die Darstellung ist klar, bündig, behend, zielbewusst; vor allem ist sie durch eine unübertroffene Anschaulichkeit ausgezeichnet. Durch einfache und ungekünstelte Mittel ruft der Verfasser ein Bild hervor, lässt eine Handlung unter unseren Augen spielen. Diese Anschaulichkeit beschränkt sich nicht auf Szenen und äussere Vorgänge; der Schriftsteller versteht es, einen Blick in die Gedanken