Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 65)
- Language
- German
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- 66 — auf der grossen Bühne der Weltgeschichte nie aufgetreten sind, und dass in der Halbinsel selber erst spät und vorübergehend mächtigere Reiche sich über das altgewohnte Kleinstaatentum erhoben haben. Wenn wir uns mit diesen keineswegs einleuchtenden Erklärungen zufrieden geben wollten, was sollen wir über die Aegypter, die Babylonier und Assyrer, die Perser sagen? Das sind Völker von einer eminent praktischen Anlage, die sie auf allen Gebieten glänzend betätigten. Sie waren geschichtliche Grossmächte allerersten Ranges; die Weltgeschichte ist Jahrhunderte hindurch eben dio Geschichte dieser Reiche. Schon bei ihrem ersten Auftreten besassen sie alle eine vollkommene Schrift, die zu den verschiedensten Zwecken des privaten und des öffentlichen Lebens, sowie in einer weitverzweigten Literatur verwendet wurde; sie haben unvergängliche Denkmäler aufgerichtet und zahlreiche historische Inschriften hinterlassen; nach Dynastien geordnete Herrscherlisten mit Angabe der Regierungsdauer wurden aufgestellt, annalistische Kompendien verfertigt, sogar eine synchronistische Uebersicht der gegenseitigen Beziehungen Assyriens und Babylöniens. Die Ausgrabungen haben Material von unschätzbarem Werte für die Geschichte des ganzen vorderen Orients ans Licht gebracht, und dennoch — unter den unermesslichen schriftlichen Resten dieser grossen Kulturen finden sich keine auch noch so kleine Bruchstücke einer historischen Literatur. Dass dies nicht etwa an einem tückischen Zufall der Entdeckungen liegt, beweisen die Fragmente des Manetho und des Berossos, aus denen erhellt, dass auch diesen Gelehrten keine Geschichtswerke als Quellen dienten. Das wenige, was wir durch Vermittelung griechischer Schriftsteller von den Phöniziern wissen, führt nicht über dürftige Stadtannalen hinaus. Nicht anders endlich liegt die Sache bei den Römern: aus amtlichen und priesterlichen Aufzeichnungen und öffentlichen Urkunden entstand nur eine Annalistik; Geschichte zu schreiben lernten sie erst von den Griechen. Wenn wir hier von den Chinesen, als ausserhalb des antiken Kulturkreises liegend, absehen, so haben tatsächlich nur zwei Völker unabhängig von einander eine historische Literatur erzeugt, die Israeliten nämlich und einige Jahrhunderte später die Griechen. Der Grund dieser merkwürdigen Erscheinung muss in der eigenartigen Veranlagung der beiden Völker gesucht werden. Man ist gewohnt, Hebräer und Hellenen als reine Gegensätze anzusehen, wird aber kaum umhin können, hier eine beachtenswerte Geistesverwandtschaft zu erkennen, wie denn in rein künstlerischer Hinsicht