Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 64)
- Language
- German
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Unter Geschichtsschreibung verstehen wir die Schöpfung eines literarischen Werkes durch die künstlerische Gestaltung eines historischen Stoffes. Ein Volk kann Erinnerungen aus seiner Vergangenheit lange mit sich herumtragen; aus solchen oft blassen oder entstellten, mit allerlei fremden Elementen vermischten üeberlieferungen können sich grössere Komplexe bilden, um als Sage oder Epos weiter fortzuleben; Herrscher können Denkmäler errichten und in Inschriften den Ruhm ihrer Grpsstaten verewigen; am Hofe und in den Tempeln können von dazu angestellten Schreibern Aufzeichnungen über merkwürdige Vorgänge regelmässig geführt, Urkunden jeder Art sorgfältig aufbewahrt werden; zum bequemeren Gebrauch können von diesen Archiven Auszüge in der Form von Annalen oder chronologischen Tabellen aufgestellt werden, ohne dass eine Geschichtsschreibung im eigentlichen Sinne entsteht. Denn, wie die ausführlichsten und zuverlässigsten Notizen in einem Tagebuch doch keine Autobiographie sind, ebensowenig sind Denkmäler, Urkunden, Aufzeichnungen, Annalen, wie reichhaltig und wertvoll auch immer, eine historische Literatur. Wir vermissen daran nicht nur das Literarische — den Reiz der Erzählung, sondern es fehlt ihnen das eigentlich Historische — die Erfassung des Charakters der; handelnden Personen und die einheitliche Auffassung der wirksamen Momente und des inneren Zusammenhangs der Begebnisse. Halten wir an diesem Unterschied zwischen geschichtlichen Ereignissen, geschichtlichen Urkunden (im weitesten Sinne des Wortes) und geschichtlicher Literatur fest, so werden wir sofort der merkwürdigen und gewissermassen befremdenden Tatsache gewahr, (dass weitaus die meisten Kulturvölker des Altertums es nie zu einer wirklichen Geschichtsschreibung gebracht haben. Die Inder, z. BM die in der Dichtung und Philosophie Bewundernswertes aufzuweisen haben, besitzen keine historische Literatur. Man sagt wohl: Die Inder schwelgen im ewigen All-Einen; für die Zeit und das Zeitliche haben sie kein Organ; auch erinnert man daran, dass sie