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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1910-01-01 · 1910 · page 59

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1910
Date
1910-01-01
Page
– (sequence 59)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273601--1535-2275318
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- 60 — -Die Liebe Gottes ist die Erkenntnis Gottes. Und die Erkenntnis Gottes ist die Erkenntnis "von dem sittlichen Endzweck des Menschengeschlecht«. Es besteht sonach eine innerlichste Uebereinstimraung -zwischen den systematischen Dispositionen Kants und der prophetischen Grundrichtung des Judentums. Aus den prophetischen Quellen hat sich das Judentum stets von Neuem verjüngt. Und -seine Religionsphilosophie würde an einem inneren Widerspruche mit dem rabbinischen- Ritualismus, den sie festhält, kranken, wenn nicht das prophetische Wesen doch überall sich durchzuringen strebte, und das geistige Uebergewicht und Vorrecht sich zu schaffen vermöchte. Darin besteht ja eben der Unterschied zwischen Religionsphilosophie und Religionsgeschichte: dass die Erstere das Wesen einer Religion in der begrifflichen Idealisierung seiner Grundgedanken zu konstruieren vermag, "Während die Religionsgeschichte sich selbst verurteilt, wenn sie sich als Darstellung des Wesens ankündigt. Der Historiker hat nicht die Aufgabe, noch an sich die Kompetenz, das Wesen zu definieren. Für ihn kann es zwar sekundäre Momente geben; eigentlich aber gibt es überhaupt keine unwesentlichen Erscheinungen für seine Forschung. Die Religionsphilosophie allein kann die Verantwortung übernehmen, in einer Religion Wesen und Unwesen zu unterscheiden. Und die geschichtliche Entwickelung gibt der religionsphilosophischen Idealisierung immer bestimmter und immer deutlicher "Recht. Wir erkennen heute in breitester Allgemeinheit bereits den Wert des Judentums,—und zwar für die Fortentwicklung auch des Protestantismus — in seinem Prophetismus, also in seiner Sittenlehre, in seinem Universalismus, in seinem Humanismus. Und der ganze Ritualismus gehört für unser Bewusstsein der geschichtlichen Entwickelung, der Abwehr und dem Selbstschutz an; den Imponderabilien der religiösen Pietät, auf denen übrigens alle Poesie und auch alle Kraft der Menschengeschichte beruht; klar und lebendig aber, wenngleich immerhin noch verschämt, unterscheiden wir ihn von dem ewigen Wesen unserer Religion selbst. Die umgekehrte Meinung erscheint uns heute als eine Ausflucht der Parteitendenz und als Schlagwort -eines unpersönlichen Standpunkturteils.

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