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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1910-01-01 · 1910 · page 58

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1910
Date
1910-01-01
Page
– (sequence 58)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273601--1534-2275317
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- 59 — fahr gerät, die Sache selbst, die Gedanken als bekannt vorauszusetzen, und nur die Spiegelung dieser Gedanken in den persönlichen Geistern zu beleuchten. Nicht versagen aber kann ich es mir, kurz darauf hinzuweisen, obwohl es nach konfessioneller Ruhmredigkeit klingen könnte, wie gut es sich verstehen lässt, dass sich damals alsbald treffliche Köpfe unter den Juden zu Kant hingezogen fühlten. Und obwohl er selbst an diesem heiklen Punkte sich schwere Blossen gegeben hat, scheint er sich dennoch mit seinen jüdischen Schülern recht wohl gefühlt zu haben. Die Briefe an Marcus Herz sind von einer sonnigen Freundlichkeit, wie er an niemand sonst geschrieben haben dürfte. Und dieser Berliner Arzt, an den er sich auch in eigener Konsultation wendet, war von allgemeiner und naturwissenschaftlicher Bildung; es sind Vorlesungen über Experimentalphysik von ihm gedruckt. Und auch zu einer philosophischen Schrift hat er Kraft und Müsse gehabt. Am meisten bekannt sind die tiefsinnigen, scharfsinnigen, auf gründlichster Kenntnis der Mathematik beruhenden Arbeiten Salomon Maimon's. Fichte, der ein philosophisches Talent zu schätzen vermochte, hat solches gerade an Maimon anerkannt. Die Forschung auf diesem Gebiete muss erst wieder ein ganz anderes Ansehen gewinnen, als welches heute den Markt beherrscht, wenn die Verdienste Maimons, die etwas tiefer liegen, zur Anerkennung kommen sollen. Klarer war von Anfang an die Wirksamkeit des edlen Lazarus Bendavid, der ebenfalls auf dem Grunde seiner mathematisch-wissenschaftlichen Kenntnisse und Einsichten philosophiert hat; dessen Vorlesungen über alle Gebiete der Kantischen Philosophie, auch über die Aesthetik sich erstreckten. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass diese Männer der jüdischen Wissenschaft sich nicht entzogen haben. Von Maimon gibt es in hebräischer Sprache einen Kommentar zum More des Maimonides, und Lazarus Bendavid hat nicht nur über den jüdischen Kalender, sondern auch über den Messias in Zunz' Zeitschrift geschrieben. Der philosophirende Jude fühlt sich wie heimatlich angehaucht auf dem Boden Kants; denn in diesem System, welches auf der Logik der Wissenschaft gegründet ist, hat die Ethik den Primat. Die Ethik aber ist das Lebensprinzip des Judentums. Seine Religion will Sittenlehre sein und ist Sittenlehre.

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