Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
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Der soziale Idealismus des Judentums steht im Zusammenhange mit seinem Messianismus. Hier aher ist die Herzensgemeinschaft mit Kant ganz offenkundig. Kant hat den „Traktat zum ewigen Frieden" geschrieben. „Weltbürgerliche" Gesinnung war der Grundgedanke nicht nur seiner Ethik, sondern auch seiner Geschichtsansicht. Er konnte keinen Begriff der Geschichte fassen, wenn er nicht ein Ziel der Geschichte annehmen dürfte. Dieses Ziel der Geschichte bezeichnet er als den ewigen Frieden. Die Kriege selbst müssten diesen Frieden herbeiführen. Die grossen Heerführer, welche alsbald unsern Befreiungskrieg gegen den korsischen Titanen zu führen hatten, wurden darüber an ihrer Liebe zu Kant nicht irre. Nur wenn man die Not selbst zur Tugend macht, kann man an dieser schlichten Konsequenz des Sittengesetzes sich herumwinden, ihr Bekenntnis verleumden, und ihren Segen für jedes Volk und jeden Staat ebenso sehr und ebenso unentbehrlich, wie für die ganze Menschheit verkennen. Diese Zuversicht des Weltfriedens, als des Zwecks und des Sinnes der Weltgeschichte, haben die Propheten erdacht, und an diesem Gedanken bezeugen sie sich als die wahrhaften Lehrer der Nächstenliebe. Denn der Krieg ist der Satan der Weltgeschichte. Es ist ebenso Hohn auf die Idee Gottes, als des Vaters aller Menschen, wie es dem Begriffe des Menschen, als des Selbstzwecks und des Endzwecks, widerspricht, dass man denken dürfte, wie der alte Grieche: der Krieg ist der Vater des Alls; dass man denken dürfte, in ihm spiele sich der wahre Sinn des Völkerlebens und des Menschenschicksals ab. Wer an den ewigen Frieden glaubt, der glaubt an den Messias; nicht an einen, der gekommen wäre, sondern an den, der kommen soll und kommen wird. Der Messias ist der „Knecht des Ewigen" (nvr inj; Jes. 42,1 u. ö.) Der Messias ist der klarste Zeuge für den Gott der Propheten, für den Gott Israels. Er hat den Zweck des Menschen für den Frieden der Menschheit klargestellt. „Friede" rufen die Propheten; „Schöpfer des Friedens" nennen sie ihren Gott1). Eine literargeschichtliche Betrachtung wollte ich nicht gern zu meiner Aufgabe machen, weil diese gar zu leicht in die Ge- J) Jes. 45,7.