Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
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- 57 — Bie Naturkräfte, selbst: in der ganzen Tiefe ihrer mathematischen Gesetzlichkeit, geben unserem Geiste doch erst dann Befriedigung, wenn der Mensch nicht ihr Werkzeug und ihr Spielball bleibt. Die Sittlichkeit muss der letzte Sinn der Welt sein. Das heisst: der Mensch ist der Zweck der Welt. Diesen Gedanken spricht Saadja mit aller. Klarheit aus1). . Und daher setzt Maimonides än die Stelle der Glückseligkeit die Selbstvervollkommnung (mofwuwi)2).. Die Selbstvsr- -vollkommnung ist das Prinzip des Menschen.: Einen tiefern Sinn hat auch der Begriff des Selbstzwecks nicht. Denn die praktische Bedeutung, welche dem Selbstzweck beiwohnt, dass jeder Mensch diesen Selbstzweck darstelle, dass daher kein Mensch „bloss als Mittel" gebraucht werden dürfe, sondern nur „jederzeit zugleich als Zweck", dieser tiefste- und klarste Sinn des kategorischen Imperativs steckt dem-Juden, das darf man wohl sagen, schlechterdings im Blute. Die Oberflächlichste Kenntnis des Judentums reicht bekanntlich dafür aus, um es als die alte Quelle der Schwärmerei für Freiheit und Gleichheit anzuschwärzen. Die Propheten wären wahrlich nicht die Urheber der echten politischen Sittlichkeit, wenn sie nicht in diesem aggressiven Sinne den Selbstzweck des Menschen gelehrt und für ihn geblutet hätten. Ihr Werk ist die Sozialgesetzgebung des Pentateuch, die grösste Schöpfung des sozialethischen Idealismus, der nicht Utopie geblieben ist. Der Sabbat hat die Welt erobert : er ist das Sinnbild der Idee, dass der Mensch auch als Arbeiter Selbstzweck "bleiben "soll; dass sein Zweck nicht darin aufgeht, ein Rad an der Maschine der Kultur zu sein, wenn diese' Kultur nicht in gleichem Masse und Umfang ihm selbst zu Gute kommt, wie jedem anderen menschlichen Angesicht. Man wird nicht sagen können, dass das Sinnbild des Sabbat mit seiner Devise: „auf dass dein Knecht und deine Magd ruhe, gleich wie du selbst" (Deut. V, 14) weniger deutlich sei als der philosophische Begriff; an Wirksamkeit ist er nicht im. Rückstandgeblieben. Uebrigens ist die Gleichheit hier mit demselben Worte, wie bei der Nächstenliebe bezeichnet. *) Emunoth we-Deoth, ed. Leipzig 1864, S. 161. 2) More m, 68; vgl. Charakteristik S. 59 f. 5