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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1910-01-01 · 1910 · page 55

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1910
Date
1910-01-01
Page
– (sequence 55)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273601--1531-2275314
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— 56 — ein schlagender Beweis für diese unser Blut vergiftende Ansicht? Und doch entstammt sie nur einer Verirrung im Menschen; keineswegs ist sie die Herzkraft unseres Wesens und Willens. Kant sagt daher selbst, dass diese seine Lehre nicht in die „moralische Dogmatik" gehört, sondern nur in die „moralische Asketik".1) Nicht also etwa als Grundlehre über den sittlichen Charakter des Menschen wird sie aufgestellt, sondern zur Heilung seiner „Verkehrtheit". Und wahrlich, der Prediger in der Wüste täte uns heute not, der gegen dieses ganze Literatur- und Kunstwesen unserer Zeit unerschrocken loszöge — unbekümmert um das Echo in der Mitwelt, die erst zu lernen hat, bevor sie richten und werten kann — der Lehrer des Ideals, der es dieser ganzen Bildungswelt klarzumachen vermöchte, dass sie sich nicht über Verletzung der Humanität in diesem Zeitalter wundern darf, wenn sie die Götzen bejubelt, welche selbst die Rufer in diesem Streite sind. Und wundern darf man sich vor Allem nicht darüber, dass der Hass der Menschenverächter und der Selbstvergötterer vorab die Juden trifft: die wir niemals eine Erbsünde anerkannt haben, sondern in unserem täglichen Morgengebete für die Reinheit der Seele Gott danken. „Mein Gott, die Seele, die Du mir gegeben hast, ist rein." Worauf es für den religiösen Ausdruck der Freiheit ankommt, das ist im tiefsten Grunde die Reinheit. Die Reinheit der Seele macht den Menschen zum Ebenbilde Gottes. Heilig ist der Mensch nicht. Die Heiligkeit eines Menschen gilt uns als Blasphemie. Aber rein ist der Mensch; seine Seele ist rein. In ihrer Reinheit besitzt sie das untrüglichste Gepräge der Unsterblichkeit; zugleich aber auch das Vorbild ihrer Freiheit. Bei Kant mündet die Freiheit ebenfalls in einen andern Begriff, durch welchen eigentlich erst die theoretische Frage gelöst wird: sie geht über in den Begriff des „Selbstzwecks" und des „Endzwecks"2), den der Mensch bildet. Was kann der Pantheismus nach seiner vernünftigen Tendenz Besseres besagen wollen, als was in dem Gedanken liegt: der Mensch ist der Zweck der Welt. Der Mensch, als der Träger der Sittlichkeit, gibt der Natur ihren Sinn und ihre innerste Einheit. Religion innerhalb der Grenzen S. 145. 2J Grundlegung zur Metaphysik der Sitten Bd. IV, S. 271.

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