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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1910-01-01 · 1910 · page 54

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1910
Date
1910-01-01
Page
– (sequence 54)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273601--1530-2275313
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— 55 — bildet ihm das Gebot der Freiheit1). An diesem scheinbaren Widerspruch ist kein Anstoss zu nehmen; denn Gott ist der Gesetzgeber der Sittlichkeit; er aber gebietet die Wahl. Die Wahl des Guten, das ist die sittliche Macht; die Freiheit des Menschen. Es ist bedeutsam, dass man sich nicht auf einen Spruch bezieht, in welchem der Sünder durch seine Wahl des Bösen gekennzeichnet wird. Die negative Bedeutung, die Freiheit zum Bösen, die man freilich nicht verleugnen darf, sie tritt zurück gegen die positive; als ob es nur auf sie ankäme. In der Tat bedeutet die Freiheit im Grunde nichts anderes als die Reinheit der Seele. Und hier wieder ist die Analogie mit Kant unverkennbar. Ein Vorurteil, unter dem Kants Religionsphilosophie leidet, scheint dagegen zu sprechen, dass er eine Reinheit des Menschen angenommen habe; hat er doch zwar freilich die Erlösung durch Christus nicht rückhaltlos, noch ohne Umdeutung angenommen, dennoch aber deren dogmatischen Grund in der Ansicht vom radikalen Bösen beibehalten. Ein richtigeres Verständnis dieses Kapitels lässt dagegen die Meinung Kants und seine Tendenz dabei in einem ganz anderen Lichte erscheinen. Er versteht nämlich unter dem radikalen Bösen den Hang der menschlichen Natur zur Verkehrung der moralischen Triebfedern.2) Nicht die Freiheit, nicht das Streben und der Aufschwung zur reinen Sittlichkeit, nicht der Glaube an die Reinheit des Willens sollen die Triebfedern des menschlichen Wesens und seiner Handlungen sein, sondern vielmehr die Selbstsucht, der Trieb nach Macht, nach Genuss, nach Lust, und wäre es auch nur in der Vorspiegelung asketischer Lust im Mitleid und in der Entsagung. So philosophieren die Menschen als Sophisten, die nicht aussterben. Das ist das radikale Böse im Menschen, dass er nicht an das Gute glauben will, als an die zureichende Triebfeder, als an den mächtigsten Beweggrund seines Willens. Ist nun etwa nicht auch die ganze Literatur und Kunst, an der sich heute alle Welt ergötzt, in Schmerzen ergötzt, *) Ygl. besonders II, 6,1; auch m. Abb.. „Autonomie und Freiheit" S. IV. (im Gedenkbuch für David Kauffmann S. 678.) *) Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft S. 124; vgl. Kants Begründung der Ethik 2. erweiterte Aufl. S. 338 ff.

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