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Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1910-01-01 · 1910 · page 53

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Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1910
Date
1910-01-01
Page
– (sequence 53)
Language
German
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IRI
…/2273546-2273601--1529-2275312
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— 54 — für die rabbinische Literatur, mit der sie zusammenhängt. Es waltet eine zarte und keusche Diskretion über alle diese Fragen des Jenseits im jüdischen Geiste. Hier spuken die Höllenstrafen nicht; die Busse rettet allezeit den Sünder. Und auch der Lohn wird nur geistig ausgemalt; hier wird die Grenze der Mystik nur berührt. Für die Psychologie des jüdischen Geistes und Gemütes ist dies ein sehr wichtiges Moment: dass wir es bei dem Tode nicht leicht nehmen mit unseren Gefühlen, noch in unserer Sorge für das Leben mit unserem lebendigen Verlangen und der Sehnsucht nach den Unsrigen, noch auch mit unserem Schmerze über ihren Verlust. Es ist rührend und erhebend zugleich, wenn ein so frommer Dichter, wie der Verfasser des Kusari, der immerhin doch etwas bekannter gewordene Jehuda Ha-Levi (11.-12. Jahrh.) es ausspricht: Was will man mit der Unsterblichkeit und mit der Auferstehung mehr, als was der Psalmist uns verheisst und also verbürgt: „die Nähe Gottes ist mein Gut." (3» "6 DVÄ» nanp Ps. 73, 28).1) So bleibt dem Juden im Jenseits selbst sein Gott nicht jenseitig; der Gute ist das Gut. Auch im Jenseits interessieren ihn keine anderen Güter; und die Schrecken der Hölle haben keine Macht über seine fromme Phantasie. Die Unsterblichkeit bleibt, was sie für die gesunde Sittlichkeit bleiben muss, eine Diskretion der sittlichen Hoffnung. Die dritte der Ideen, welche Kant aufstellt, ist die der Freiheit. Sie bildet, und zwar als Autonomie, von der wir schon gesprochen haben, die Grundlage seiner Ethik. Das Problem der Freiheit beherrscht das ganze Mittelalter, mithin auch unsere Religionsphilosophie. Auch in der rein theoretischen Erörterung lassen sich hierbei sehr beachtenswerte Analogien auffinden. Wenn wir uns jedoch hier nur an die allgemeinen Fragen zu halten haben, so ist es zunächst charakteristisch, dass Chasdai Crescas (14. Jahrh.), der die Freiheit leugnet, auf den Spinoza ausdrücklich hinweist, nichtsdestoweniger als positive Bedingung der Sittlichkeit die Freiheit festhält. Die „Liebe Gottes" ist ihm wie ähnlich für Spinoza, die menschliche Freiheit. „Wähle das Leben." Dieser Satz des Deuteronomiums *) Kusari 1,113 ed. Cassel S. 70,71; vgl. S. 64ff.

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