Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
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— 52 — das Dogma zum Leitgedanken der gesamten Metaphysik und keineswegs allein für die Ethik benutzt. Die Ethik vielmehr geht dabei zu Grunde; sie wird in dem allgemeinen Prozess des natürlichen Werdens und der Bewegung des Begriffs, was dort dasselbe ist, aufgehoben. Das ist das verborgene Gift, welches die allgemeine literarische Bildung bewusstlos einschlürft, weil sie die fundamentalen methodischen Fehler, die dem Pantheismus zu Grunde liegen, nicht zu prüfen versteht. Gott ist nicht Mensch, und ist nicht Natur. Die Schöpfung selbst hat nur Sinn für die Sittlichkeit; sie darf aber der Mathematik nicht widersprechen. Die Allmacht Gottes selbst hat ihre Schranke an der mathematischen und der logischen Vernunft. Auch dies ist ein Grundgedanke bei unseren Alten, der auch die Lehre vom Wunder dirigiert. Der Pantheismus dagegen bringt Natur und Sittlichkeit auf dieselbe Norm. Daher belässt er die theoretische Vernunft im Zwielicht der Symbolik; und die sittliche Vernunft bringt er um ihre Eigenart und Selbständigkeit. Dass es etwas gebe, was den Menschen unterscheiden dürfe von allen Wesen, die wir kennen, das kann der Pantheist nicht zugeben; und so hat sich Goethe in diesem Gedichte von jener berückenden Zweideutigkeit freigemacht. Es ist geradezu verwunderlich, dass hierbei eine noch intimere Verwandtschaft zwischen Kant und dem Judentum zu Tage tritt. Kant unterscheidet in seinem System die Ethik von der Logik. Beide ressortieren aus der Vernunft; aber er unterscheidet die praktische, die sittliche Vernunft von der theoretischen. Die Reife und die Originalität, welche Maimonides seinen Vorgängern gegenüber auszeichnet, lässt sich vielleicht an keinem Punkte so scharf erkennen, wie an diesem. Die Sittlichkeit gehört bei ihm zwar freilich auch unter die „ersten Prinzipien der Vernunft"; aber der „exakte Beweis" (taSmo risiö) unterscheidet sie von den logisch-mathematischen Prinzipien. Nach beiden Seiten zeigt sich hier eine glänzende Klarheit dieses unseres grossen Mose: nach der logisch-wissenschaftlichen, wie nach der ethischen Seite. Die Sittlichkeit steht in ihren Prinzipien nicht gleichwertig und ebenbürtig der Wissenschaft und der Logik. Es gibt einen methodischen Unterschied