Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1910
- Date
- 1910-01-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
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— 47 — Worauf es aber bei der Souveränität der Vernunft im letzten Grunde immer ankommt, das ist ihr Verhältnis zur Sinnlichkeit. Und hierbei ergibt sich wiederum eine um so überraschendere Uebereinstimmung zwischen der Philosophie des Judentums und Kant, als die erstere hierbei von Aristoteles an einem fundamentalen Punkte abweicht. In Kants Ethik ist vor Allem charakteristisch die Abweisung des Eudämonismus und aller seiner Abarten. Kant behauptet daher, dass alle .Moralsysteme des Eudämonismus dem Begriffe der Ethik widerstreiten.1) Glückseligkeit darf in keiner Nüanzierung das Ziel des reinen Willens sein. Es darf nun sicherlich als innerste Uebereinstimmung bezeichnet werden, dass von Saadja bis Maimonides und über ihn hinaus auf der ganzen Linie der jüdischen Philosophie die Glückseligkeit abgelehnt wird. Dieser Gegensatz zum Lustprinzip ist ein Symptom einmal von der Selbständigkeit und der Systemfähigkeit des jüdischen Geistes, dann aber auch ein mehr als interessantes Zeichen für die Konsequenz der biblischen Gesinnung, welche sich hier darlegt. Denn immer ist es die Bibel, an der alle diese Denker die Richtigkeit ihrer Ansichten prüfen. Auch für die Vernunft berufen sie sich auf die Thora selbst, welche die Erkenntnis zur Grundlage des Gemütes und des Willens wiederholentlich einsetzt. „Du sollst erkennen und es befestigen in Deinem Herzen." (-pn*? ba nawn arn nyn, Deuter. 4, 39). Auch die wissenschaftliche Erkenntnis erheben sie daher zur Forderung aus dem Geiste der Lehre. Mathematik und Astronomie haben gemeinsame Grundlagen mit der Sittlichkeit in der Vernunft. Bei der Frage des Eudämonismus aber fliessen die biblischen Quellen reichlicher. Und besser als Zitate spricht der Grundsatz des Glaubens selbst. Die Einheit Gottes hat zur Folge die „Einheit des Herzens" {ihn nirp) und die „Einheit der Handlung" (niwi nir).2) Es dürfte in keiner Sprache ein tieferes Wort für Gesinnung vorhanden sein als Einheit des Herzens. Die Einheit des Herzens gemäss der Einheit Gottes. Die Einheit des ') Kritik der praktischen Vernunft. (S. W. Bd. V, S. 21 ff.). 2) Baohja, Kap. Y.