Mannheim
Compact Memory

Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1910-01-01 · 1910 · page 43

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
1910
Date
1910-01-01
Page
– (sequence 43)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2273546-2273601--1519-2275302
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 44 — Grenzen der blossen Vernunft" satyrisch so die Tendenz von Mendelssohn's Jerusalem: „er will sagen: schafft Ihr erst selbst das Judentum aus Eurer Religion heraus/* Aber Kant hält dabei die christliche Glaubenslehre nur für die „gewöhnliche Vorstellungsart des Christentums", der er die seinige entgegenstellt. Wenn es sich nun aber herausstellen sollte, dass seine Auffassung der Religion vielmehr mit derjenigen übereinstimmt, welche vom Judentum sachgemässer Weise konstruierbar ist, so würde man umgekehrt sagen dürfen: schafft Ihr nur erst das Christentum aus Eurer Religion heraus. Wir wollen indessen Kants persönliche historische Meinung hier auf sich beruhen lassen, und uns an seine Sache, welche nicht die Bibelforschung, sondern die Philosophie war, halten. Man sollte meinen, dass die inneren Beziehungen nur auf die Ethik zurückgehen könnten, da ja doch das Judentum keine Wissenschaft hat, und somit keine Logik haben kann, wohlverstanden, als die eines philosophischen Systems. Indessen hat das Judentum sehr früh seine Rechtfertigung durch die Philosophie angestrebt. Ist doch auf diesem Wege der Logos zur Welt gekommen. Und da man seit Saadja im 10. Jahrh. und wahrscheinlich schon früher eine ethische Begründung des Judentums versuchte, so wurde man unvermeidlich dazu getrieben, dieser Ethik auch eine Art von logischem Unterbau zu geben. Es ist nun bedeutsam, dass hierin schon eine innere Uebereinstimmung unverkennbar ist. Das fundamentalste und durchgreifendste Charakterzeichen Kants ist in einem Worte der Kritik der reinen Vernunft gegeben. Noch heute ist Streit über die Tragweite dieses Losungsworts. Aber über seinen unmittelbaren Sinn kann kein Streit sein. Das Wort bedeutet: dass alle Erkenntnis in Grundlagen gegründet sein müsse, welche als Grundwahrheiten zu ' gelten haben. Diese Bedeutung hat der Begriff der Vernunft, insbesondere der reinen Vernunft, im Unterschiede von der sinnlichen Wahrnehmung und der Erfahrung, sofern diese in der Sammlung von Wahrnehmungen besteht. Nimmt man in den Wahrnehmungen den letzten Grund der Erkenntnis an, so verzichtet man damit auf eine sachliche Grundlage, wie die Mathematik eine solche in den Axiomen besitzt. Man verliert aber damit zugleich die unumstössliche Kontrolle für

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.