Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1909
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 72)
- Language
- German
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— 73 — ihm draussen in der grossen Welt versagt bleiben musste. Er dachte es sich als eine Belohnung für die vielen Mühen eines langen Lebens, für den Nutzen, den man sich selbst und seinen Mitmenschen gebracht hat. Würdigen armen Menschen wollte er am Abend ihres Lebens ein friedliches Dasein verschalten: satt an Leben6tagen und Menschenliebe sollten sie in Ruhe von hinnen scheiden. Dieses friedliche Bild eroberte sein Herz, obwohl er sich nicht verhehlen konnte, dass eine so gedachte Wohltätigkeit nur die Nachlese einer späten Ernte, nicht aber das Ausstreuen einer gesunden, lebensfähigen Saat bedeutete. Später aber erwachte die Hoffnung in diesem Manne; der schöne Lebensabend mit all seinen wunderbaren Reizen hatte ihn nicht mehr festzuhalten vermocht: ist es doch nur die Schönheit einer Abenddämmerung, nur das Licht einer untergehenden Sonne! Und so wendete er sich der J u g e n d zu. Nicht die Belohnung einer verdienstvollen Vergangenheit war nunmehr sein Ideal, sondern die Förderung einer arbeitslustigen und vielverheissenden Jugend, und er richtete seinen Sinn auf die Erhaltung und Befestigung eines Instituts, in dem ein Stück Zukunft vorbereitet wird, in dem Männer für einen Kampf um die jüdische Zukunft ausgerüstet werden sollen, Männer, die ein offenes Auge auch für die der Zukunft gehörenden, sich erst vorbereitenden Ideale haben sollen. Und gerade unsere Lehranstalt, an der er selbst mit voller Hingebung mitarbeitete und deren Gedeihen ihn im letzten Jahrzehnt seines Lebens fortdauernd beschäftigte, schien ihm die Bedingungen erfüllen zu können. Eine Lehranstalt, die die Freiheit der Wissenschaft des Judentums von Anbeginn ihres Bestehens proklamiert * hatte, eine Lehranstalt, die keiner ausgesprochenen theologischen Richtung angehören, keiner Partei dienen will und soll, sondern eine voraussetzungslose, in jeder Hinsicht vorurteilsfreie Wissenschaft des Judentums pflegen und jedem, ohne Unterschied der Konfession, alles Wissenswerte auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft sowie auf den angrenzenden wissenschaftlichen Nachbargebieten zugänglich machen will, — eine solche Lehranstalt musste die Sympathien des grossen Juden und grossen Gelehrten Oppert erlangen. Denn Oppert gehörte nicht zu jenen, die in der Wissenschaft des Judentums etwas spezifisch Theologisches und Dogmatisches sehen, und die ver-