Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1909
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 71)
- Language
- German
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— 72 — zu einer noch höheren fortschritt, ohne dem Schicksal anderer viel grösserer Kulturnationen zu verfallen. Er war innerlich begeistert für das Volk der Ewigkeit, das Volk der Unsterblichkeit, das Volk des höchsten religiösen Prinzips, das Volk der unwandelbaren ethischen Wahrheit. „Meine Grossmütter", bemerkte er einmal, „pflegte zusagen: wir beten dreimal täglich, auf dass der Frevel und die Sünde aufhören und nur die Gerechtigkeit allenthalben walte, auf dass die Lüge vertilgt werde und nur die Wahrheit sich behaupte. Ein solches Volk kann nie untergehen." — Es ist charakteristisch für diesen Mann, dass er oft Sprüche und Lehren seiner Eltern und Grosseltern zitierte. Er hatte einen sehr ausgeprägten und starken Familiensinn und hing an seinen Verwandten mit grosser Liebe. Allerdings genügte für ihn die Verwandtschaft allein nicht, esmusste auch etwas Tüchtiges und Gutes dahinter stecken. „Ein Oppert", pflegte er zu sagen, „muss auch etwas sein." Auch sagte er einmal: „Nach meinem Tode wird man mich besser beurteilen als jetzt. Ich bin wohl ein reicher Mann, und nocli viel reicher als manch anderer, weil ich meinen Reichtum nicht für mich brauche. Ich will auch lieber als Mann der Wissenschaft geachtet werden; reiche Juden gibt es gerade genug. Dass ich es verstanden habe, ein Vermögen zu ersparen und zu erwerben, ist kein besonderer Ruhm. Tch habe aber stets ein höheres Ziel vor Augen gehabt; * mit meinem Gelde soll etwas Gutes und Bleibendes geschehen." Schon viele Jahre vor seinem Ableben fasste er den Gedanken, eine grosse nützliche Stiftung zu gründen. Die Zinsen seines mühevoll erworbenen und unter manchen Entbehrungen ersparten Vermögens wollte er seinen weiblichen Verwandten, die ihm nahestanden und denen er, wie seiner gesamten Familie, in herzlich er Freundschaft zugetan war, für die Dauer ihres Lebens hinterlassen; das Kapital aber wollte er einem dauernden gemeinnützigen Zwecke zuwenden. Ein Altershaus in seiner Vaterstadt Hamburg zu errichten, schwebte ihm früher lange Jahre vor. Er, der Jahrzehnte lang fern von Heimat und Familie gelebt hatte und als Junggeselle allein dastand, wusste wohl, wie dem verlassenen Fremden zu Mute ist, namentlich wenn ihn im Alter die Hoffnungen und die Kräfte zu verlassen beginnen. Darum wollte er den von Angehörigen und Jugendfreunden verlassenen Greisen ein Heim gründen, wo einem jeden alles das geboten werden sollte, was