Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1909
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
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— 57 — mehr mit der ergiebigen Macht des Gefühls dem Herz und Ohr des Kindes eingepflanzt wird, woher sollen alsdann in den Ländern gesteigerter Kultur die Kräfte kommen und in ausreichender Weise sich nacherzeugen, welch« das Erbe unserer Quellen mit der Urkraft angestammter Liebe und urwüchsigem Verständnis hüten und mehren können? Neumann liebte auch in dem Text unserer erhabenen, unserer schönen, unserer lieblichen Gebete einen mächtigen Teil der Quellen unserer Religion. In dieser Liebe regelt sich sein Verhalten zum jüdischen Gemeindeleben. Wir haben hier nicht zu richten, sondern zu verstehen. Die Gründe seiner Frömmigkeit liegen jedoch noch weit tiefer. Sein Judentum haben wir als soziale llelfgiosität erkannt. Diese aber gipfelt im M e ss i a n i s in u s. Der Gott der Propheten ist nicht nur der Gott der Armen, der Waise und der Witwe, sondern ebenso auch der Gott des Fremdlings und aller Völker. Der Gott der Propheten ist der Gott der Einen Menschheit. Neumann war ein guter deutscher Bürger, und er hatte in seinem ganzen geistigen Habitus den Erdgeruch seiner pommerschen Heimat. Dennoch würde es sich nicht ziemen, in der Atmosphäre des heutigen nationalistischen Patriotismus ilm als Patrioten feiern zu wollen. Er war schlicht und recht ein deutscher Mann, und sein Stil — wir dürfen in dieser Rücksicht nochmals auf ihn hinweisen — hat die knappe Gedrungenheit; den strengen Ernst und die gründliche Sachlichkeit, welche zumal in früherer Zeit als das Kennzeichen deutscher Geistesart. gelten durfte. Aber zu dieser alten Art des Deutschtums gehörte ebenso, wie der natürliche Patriotismus, ein gesunder Kösmopolitismus. Und diesen Weltbürgersinn hatte der deutsche Klassizismus mit dem prophetischen Judentum gemeinsam; er hat seine geschichtliche Wurzel in dem messi- ^inischen Gottesbegriff. So wird eine andere Hauptrichtung in der Lebensarbeit unseres Freundes verständlich. Neben der Lehranstalt war eine tiefe Sorge für ihn die A11 i a n c e I s r a 61 i t e Universelle. Seine grosse Arbeit für die Alliance beginnt mit deren Entstehung. 1869 wird er Vorsitzender des Lokalkomitees, bei dem er Cremieux, Zunz und Berthold Auerbach gleichzeitig bei sich sieht. Mit Bamberger in Königsberg arbeitet er für die Linderung der .westrussischen Hungersnot. 1872 hat.