Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 1908
- Date
- 1908-01-01
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
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— 50 — hielten und dadurch wirkliche Bürger unseres deutschen Vaterlandes wurden, konnte eine Öffentliche Versammlung zur Begründung dieser Anstalt nach dem von Lazarus, Neumann und Stadtrat Meyer wohlausgearbeiteten Plane berufen werden. Die Gewährung der Rechte durch den Staat vertiefte das Bewußtsein der Pflicht gegenüber dem Staat, die jüdische Religion zu pflegen, die, wie jede Religion, ohne wissenschaftliche Förderung verdorren muß. Der Gedanke, den wenige Jahre später der erste deutsche Kaiser aussprach: „Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben", enthält ein Postulat unseres deutschen Staatswesens. Dieses Postulat zu erfüllen, soweit es sich um die Juden handelt, war die Aufgabe der neuen Anstalt. Durch parteilose Pflege der reinen Wissenschaft, durch gewissenhaftes Streben nach Vermählung von Vernunft und Glauben, durch Erforschung unserer stetigen dreitausendjährigen Entwicklung war sie berufen, die Religion vor Verfall, ihre Angehörigen vor Atheismus und Indifferentismus zu schützen und auf eine gesunde, von historischem Sinne getragene Weiterentwicklung hinzuwirken. Drei Jahre währte es noch, bis im Jahre 1872 diese Lehranstalt ihre Tätigkeit beginnen konnte. Von dem Geiste, der diese Anstalt erfüllt, werden Sie aus berufenem Munde hören. Trotz großer Schwierigkeit ist sie, wie wir glauben, ihrer Aufgabe im wesentlichen gerecht geworden. Indem sie nur die objektive Wissenschaft durch Männer aller Parteien pflegte, hat sie Gegensätze ausgeglichen und die Entwicklung gefördert; sie hat das allgemeine Interesse für die Religion und dadurch in gleicher Weise ein gesundes Selbstbewußtsein wie ein geläutertes Pflichtgefühl in weiten Kreisen geweckt und gepflegt; aus ihr sind Geistliche hervorgegangen, die neben der vollen allgemeinen Universitätsbildung eine im besten Sinne wissenschaftliche Fachbildung erlangten und dadurch zugleich Kulturträger weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus geworden sind. Daß noch viele, sehr viele Wünsche für Verbesserung und Erweiterung bestehen, die im wesentlichen wegen nicht genügender Mittel zurzeit nicht erfüllt werden können, wollen wir nicht verhehlen. Der Zukunft muß auch die Verwirklichung des Gedankens vorbehalten bleiben: der Lehranstalt eine Volkshochschule für die Wissenschaft des Judentums anzugliedern. Stets aber wird die Lehranstalt, des seien Sie gewiß, ihrer großen Aufgabe treu bleiben und sich bewußt bleiben»