Mannheim
Compact Memory

Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin · 1904-01-01 · 22.1904 · page 91

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
Volume
22.1904
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 91)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2273546-2273589--1136-2274913
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 84 — Wie der Lohn der guten Tat, so ruht auch die Strafe für die Sünde in ihr selbst; wer sich bei ihr beruhigt, gleitet auf der schiefen Ebene immer tiefer; „so du eine Sünde begehst, furchte dich nicht vor dieser, sondern vor der, die nach ihr kommt, da eine TJebertretung die andere nach sich zieht"1). Nicht der einzelne Akt bedeutet die Sünde, wohl aber die Gesinnung, die darin zum Ausdruck kommt, der sündhafte Gedanke. Die Sünde verhärtet des Menschen Herz, sie wirft ihn von der Verfolgung seiner sittlichen Aufgabe zurück, entfernt ihn von der Nähe Gottes. Nicht die einzelne Sünde steht dem einzelnen Verdienst gegenüber, sondern, „wie eine einzige Fliege würziges Oel übelriechend machen kann, so kann eine einzige Sünde viele verdienstliche Handlungen vernichten"2). Frömmigkeit bedeutet für die Pharisäer das Hinstreben zu einer idealen, ewig unerfüllbaren Aufgabe; das Ziel der Frömmigkeit ist die Nachahmung Gottes, kein Menscb vermag dieses Ziel je zu erreichen; er mag die höchste Stufe menschenmöglicher Vollkommenheit erklimmen, an die Spitze gelangt er nie, restlos wird seine Aufgabe nie gelöst. Die Wirkung dieser Erkenntnis ist bei den Pharisäern die Predigt der Umkehr, der Sinnesänderung, rwn {jtstäpom. Es ist der Ruf nach grundsätzlicher Aenderung des Lebens, nach einer energischen Wendung des Sinnens und Denkens auf Gott hin3). Ein tiefes und ehrliches Sündenbewusstsein durchzieht die Zeit, ein lechzender Durst nach Gerechtigkeit; die Busse ist das grosse Tor, das zu Gott führt, das Sündenbekenntnis der goldene Schlüssel, der die Tür darin öflhet. „Wem wolltest du gnädig sein, o Gott, wenn nicht denen die den Herrn anrufen? Bei Sünden sprichst du den Menschen frei, wenn er bekennt und beichtet; denn Scham liegt auf uns und unseren Gesichtern ob alledem. Und wem wolltest du Sünden vergeben wenn nicht den Sündern? Gerechte segnest du und rügst nicht ihre Sünden, und deine Güte waltet über reuigen Sündern"4). Das Bewusstsein der inneren Unzulänglichkeit, *) Abot 4,2, Abot di R. Natan ibid. 2) Ben Azzai in jer. Kidd. I, 10 (61 d). 3) Ueber den Begriff nawn ist soeben ein Aufsatz von C. G. Montefiore erschienen in Jewish Qarterly Review XVI, 209 ff. *) Ps. Sal. 9,6f. (Kautzsch H, 140) vgl. F. Perles, Zur Erklärung der Psalmen Salomos, S. 32 f.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.