Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 85)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2273546-2273589--1130-2274907- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- '78 - Die Forderung der Heiligkeit hat auch eine negative Seite. Heilig sollt Ihr sein, denn ich bin heilig, wird auch erläutert: Abgesondert sollt ihr sein, wie ich abgesondert bin von allem Unreinen und Unsittlichen1). Bei der Offenbarung am Sinai heisst es: Ihr sollt mir sein ein heiliges Volk; das bedeutet geheiligt, abgesondert von den Völkern der Welt und ihren Greueln2). — Unter diese Kategorie fällt die immer wiederkehrende Ermahnung und Scheu vor aller geschlechtlichen Versündigung und Unreinheit. Unkeuschheit, Ehebruch, Päderastie und das Aussetzen der Kinder und so viele Laster, die mit dem Heidentum in engstem Zusammenhang stehen, werden als die schlimmsten sittlichen Ausschreitungen verabscheut; durch sie würde die Gegenwart Gottes, der von allem Unreinen sich fernhält, aus Israel's Mitte verscheucht werden3). Hier kam die geschichtliche Ueberlieferung des jüdischen Volkes der religiösen Theorie sehr entgegen. „Der jüdische Monotheismus mit seinen sittlicheren Begriffen von Gott entstand aus der vorausgegangenen grössereren Reinheit sowohl in geschlechtlichen Dingen als in anderen. Die jüdischen Ehe-Keuschheits-, Reinheitsgesetze legen Zeugnis ab von der sittlichen Strenge, mit der das Leben erfasst wurde. Aus dieser sittlichen Lebensrichtung ergab sich die Befähigung, die heilige, die monotheistische Fassung der Gottheit zu gewinnen. Gott offenbart sich auch dem klügsten Volke nicht, wenn es in Sinnlichkeit versunken ist. Nicht die Gelehrsamkeit, nicht die Klugheit, sondern die Sittenreinheit ist die ursprünglichste Bedingung für die Erkenntnis Gottes4)". In diese Kategorie fallen auch die gottesdienstlichen Handlungen, Opfer, Gebet, Fasten. Ihre Heiligkeit beruht nicht auf ihnen selbst, sondern auf göttlicher Bestimmung; aus der natürlichen Welt mit ihren Ordnungen und Gesetzen führen sie uns hinaus in einen höheren Zuzammenhang der Dinge, weisen als Symbole auf eine höhere Wesensart und Lebensform hin. Die Opfer wurden nicht als Last und nicht als Druck empfunden, J) Sifra 67 b und 86 c: vnn BHPfil). 2) Meeh. 63 a: Drwnppoi cbyn rrtowo dwid d'bhwöi nmip. a) Vgl. Sifre Deut. 268 (121a): nawn n« mp^Dö rnny. 4) M. Joel, Religiös-philos. Zeitfragen S. 82; vgl. dazu L. Lazarus, Zur Charakteristik des talmud. Ethik S. 12.