Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 84)
- Language
- German
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- 77 — mögüchte, mit derselben Behaglichkeit weiter zu leben wie ehedem, und dieses Beispiel stand nicht vereinzelt da1). In der Unterlassung der Hilfeleistung sahen die Pharisäer bereits eine schwere Sünde und den Anfang des Menschenhasses. Die Bibel trifft Bestimmungen für Fälle, in denen ein Mensch den andern hasst, den Pharisäern schien Hass als primäre Eigenschaft etwas Unbegreifbares, nur als fortgeschrittenes Stadium der Sündhaftigkeit vermochten sie sich ihn zu denken2). Der Forderung der Hilfsbereitschaft steht das Gebot einer unbegrenzten Dankbarkeit gegenüber. Selbst den Aegyptern, die die Israeliten nur zu ihrem eigenen Nutzen im Lande hielten, gebot Gott dankbar zu sein, um wieviel mehr gebührt Dank und Verbindlichkeit denen, die uns mit gutem Willen und mit Aufopferung fördern3). Die Ethik der Pharisäer zeigt somit in ihrer Grundlegung und ihrer Ausführung ein weltüberlegenes, zu jedem Opfer bereites heroisches Prinzip; freilich nur ein weltüberlegenes, nicht ein weltflüchtiges, wie das Evangelium. Eine Vorschrift, wie „so dir jemand einen Streich giebt auf deinen rechten Backen, dann biete den anderen auch dar, und so jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel"4), liegt den Pharisäern fern. Sie kennen und empfehlen die hohe Tugend, Kränkung und Schmach zu ertragen, sich von rachesüchtigen Affecten frei zu halten, zur Nachgiebigkeit und Versöhnung stets bereit zu sein5). Weitergehende Forderungen, die zugestandenermassen „jede Rechtsordnung aufheben und der brutalen Gewalttätigkeit gewonnenes Spiel lassen würden", haben sie nicht gestellt. Sie sind ja auch in der christlichen Sittenlehre längst aufgegeben und werden von den Erklärern des Evangeliums auch auf einen so geringen Umfang beschränkt, dass von ihrer Ueberlegenheit nichts übrig bleibt6). *) Vgl. Sifre Deut. 116 (98b). 2) Sifre ibid. 187 (108b): ]«ao vhy opi A anal >njn^ «aw »»» nw >a ibio "poa urb ranm by mssn'nBD by myb wo rhp nvto by *iay dm vm» Tai "nen xb\ mpn xb byi totwi xb by nayb. 8) Sifre ibid. 262 (120a), b. Bei-. 63b. *) Mt. 5,39f. •) Vgl. b. Gitin 36 b, (b. Schabb. 88 b, Joma23a): in paVp p*m PäSpan und oben S. 74 f. •) Vgl. Pfleiderer, I, 647; Harnack S. 70f.