Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 83)
- Language
- German
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— IG — sie nicht getan, weil sie weiter als die zeitgenössischen Juden den Begriff nicht ziehen konnten. Ein Heide kam zu Hillel und erklärte zum Judentum übergehen zu wollen unter der Bedingung, dass er ihm die ganze jüdische Religion lehrte, während er auf einem Bein stünde. Da antwortete ihm Hillel: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch einem Anderen nicht zu; das ist die ganze Thora, alles andere ist Erklärung; gehe und lerne1). Diesen Satz hat Hillel, wie es scheint, nicht erfunden, er hat ihn nur als die Quintessenz der ganzen Religion bezeichnet; das Wort selbst war als ein geflügeltes im jüdischen Altertum weit verbreitet und erscheint in der Literatur an den verschiedensten Stellen in derselben Form2). Das Buch Tobit citiert es mit den Worten o pKTstg ptjdevl noifayg (4, 15); nach Philo enthielten die „ungeschriebenen Sitten und Gesetze der Väter" den Satz ä zig nad-stv i^d-aiqsi noistv awoV3). Die alte aramäische Bibelübersetzung (Pseudo-Jonathan) hat den Satz Hillels als Uebertragung von „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"; als Uebersetzung dieses Verses hat er unter den Juden in Palästina4) und in der Diaspora sich verbreitet. Auch Jesus kannte und citierte ihn, wie er ihn in der Ueberlieferung von Hillel erfahren hatte5). Nächstenliebe im weitesten Sinne und als „Erfüllung des Gesetzes" ist ein echt pharisäischer Grundsatz. Der Inhalt des Gebotes der Nächstenliebe ist positive Hilfeleistung und tatkräftige Förderung des Nebenmenschen u. zw. in der zartsinnigsten Weise. So wurde von Hillel überliefert, dass er einem vornehmen Manne, der verarmte, es er- J) nöj bv *m kbwb -pm rbo minn bs «*n w vai'n »b -,*nr6 Yt» b. Schabb. 30 b. Die lächerlichen Sophistereien, mit denen Hilgenfeld und Siegfried die Bedeutung von "panS als „deinem Chaber" zu verteidigen suchten, sind gebührend zurückgewiesen von Chwolson, Passahmahl S. 73 ff, 79 ff. Güdemann, Monatsschrift XXXvH, 1893, S. 153 ff. 2) Vgl. Jac. Bernays, Phüo's Hypothetika in Ges. Abhandl. I, 272 ff. 3) Vgl. ferner Aristeasbrief 207 (Kautzsch n, 22), Testamente, Napht. 1 (ibid. 498). 4) Auch R. Akiba zitiert ihn Ab. di R. Natan Ree. B. 26 (27 b). Desgleichen erklärt er Nächstenliebe als Grundgebot der Thora. Sifra 89b. 5) Mt. 7,12. Auf den Unterschied der Fassung ist kein Wert zu legen,