Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 82)
- Language
- German
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- 75 — Taten, sondern muss, wie er selbst Nachsicht und Langmut von Gott fordert, sie auch seinem Nebenmenschen gewähren. „Wer sich rächt, an dem wird der Herr Rache nehmen, und seine Sünden wird er wohl aufbewahren. Vergieb deinem Nebenmenschen eine Beleidigung, und wenn du bittetst, werden auch deine Sünden vergeben werden. Wie? Der Mensch bewahrt den Zorn gegen den andern, aber vom Herrn fordert er Vergebung? Gegen seinen Nebenmenschen hat er keine Nachsicht, und bittet wegen seiner eigenen Vergehungen? Er, der doch selbst Fleisch ist, bewahrt den Grimm, wer soll ihm seine Sünden sühnen"1)? Die ethischen Vorschriften für das Verhalten der Menschen sind zusammengefasst in dem Gebot der Schrift: "poa ip'h ronsn Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (III. Mos. 19,18). Wer ist der Nächste? Christliche Ausleger, nach deren Glauben die allgemeine Menschenliebe vor dem Evangelium durchaus nicht bekannt gewesen sein darf, erklären bis auf den heutigen Tag, dass unter jn nur der „Volksgenosse" gemeint ist. Der Zusammenhang, in dem der Satz sich findet, und der andere nur wenig davon entfernte: „Wie ein Eingeborener aus euch, soll euch der Fremdling sein, der sich aufhält bei euch, und liebe ihn wie dich selber" (das. 34), machen es klar, dass das Gebot der Nächstenliebe auch auf den Fremdling sich ausdehnt2). Im neutestamentlichen Zeitalter herrschte unter den Juden kein. Zweifel über die Ausdehnung des Gebotes der Nächstenliebe auf alle Menschen. Jesus spricht von der Nächstenliebe nur zweimal, in der Auseinandersetzung mit Pharisäern, und es findet beide Male die vollste Uebereinstimmung über den Umfang des Gebotes statt. Die Nächstenliebe erscheint im ganzen Neuen Testament stets als Gebot des alten Bundes. Der Satz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist für die Apostel „das königliche Gesetz"3) und die Erftillug aller Gesetze4), auch Paulus kennt es nur als die alte Forderung der jüdischen Religion. Wäre es nun richtig, dass das Christentum unter dem Begriff des Nächsten etwas ganz anderes verstanden hätte als die Juden seiner Zeit, dann hätten Jesus und seine Apostel auf den neuen Sirni des Wortes hinweisen müssen. Das aber haben Sir. 28,1—5. 2) Vgl. Cohen, Liebe und Gerechtigkeit S. 85 ff. ") Jak. 2,8. 4) Gal, 5,14 vgl. Rom. 13, a.