Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2273546-2273589--1124-2274901- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 72 — Gott spricht: So ihr euch selbst heiligt, rechne ich es euch an, als ob ihr mich geheiligt hättet1)! „Man kann es schlankweg als den kühnsten, erhabensten, beseligendsten und gnadenreichsten Gedanken bezeichnen, dass Gott der Allheilige durch den Menschen geheiligt werden soll. Das WtpJl (Levit. 22,32 und Ezech. 20,41 und sonst) ist der höchste Begriff, der von einem Menschengeiste gedacht, und das edelste Wort, das von menschlicher Zunge geredet worden ist"2). Dass die christliche Theologie eine solche Vollkommenheit dem Judentum nicht zugesteht, kann nicht auffallen; bemerkenswert ist es, dass sie ebenfalls an unsere Stelle anknüpft, dass gerade aus dem behandelten Bibelvers die Ueberlegenheit der Sittenlehre Jesu über die jüdische Ethik hervorgehen soll. „Aber Jesus ging noch über die Propheten hinaus, indem er uns Vorbild und Antrieb unseres Strebens nach wahrer Gerechtigkeit in Gottes väterlicher Gesinnung erkennen Hess. Einst hatte Gott durch den Gesetzgeber zum Volk Israel gesagt: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig" (III Mos. 11,49); damit wurde die Erhabenheit Jahves über das unreine Weltwesen zum Motiv und Vorbild gemacht für die levitische Heiligkeit d. h. Absonderung Israels vom heidnischen Leben seiner Nachbarn. Jetzt aber sagte Jesus: „Liebet eure Feinde, so werdet ihr Söhne des Höchsten sein, denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Schlechten. Werdet barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist". (Luk. 6,35f. Mt. 5,45 ff.)3). Diese Gegenüberstellung, die im Judentum nur Kultisches und Gesetzliches, in der Lehre Jesu nur Religion und Sittlichkeit sieht, stimmt durchaus nicht zu den Aussagen der jüdischen Heligionsquellen. Der Satz „Heilig sollt ihr sein, denn ich bin heilig", steht nicht nur an der eben citierten Stelle, sondern auch an der Spitze der Sittengesetze (III. Mos. 19,2). Die ältesten rabbinischen Auslegungen desselben schreiben, mit aller Deutlichkeit vor, Gott als Beweggrund des sittlichen Verhaltens des Menschen anzusehen. Heiligkeit ist J) Sifra 86 c: »mt« nncnp i^to 03»ty »jk nbya naosy dm on« o'tnpo dm. 2J Lazarus, Ethik I § 184, S. 197 f. 8) Pfleiderer, Urchristentum I, 639f.; die Stellen, auf die es ankommt, sind hier durch Sperrdruck hervorgehoben,