Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 78)
- Language
- German
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— 71 — an dem richtigen Verstände und an Bildung fehlt, sagt Tfillel1), kann nicht vor der Sünde sich furchten, denn er kennt nicht die feinen sittlichen Forderungen der Religion, er hat nicht gelernt, dass schlecht und verwerflich sein kann, was seiner Person förderlich ist oder scheint; er herechnet gut und hose nur nach dem Nutzen, den es ihm bringt. Durch seinen natürlichen Verstand und durch das Grundgesetz des staatlichen Zusammenlebens mag er wohl dahin kommen, sich davon fernzuhalten, seinem Nächsten direkt zu schaden, sein Leben und sein Eigentum zu verletzen; jedoch dass es verboten ist, ihn auch in der Ehre zu kränken, dass er durch Worte, durch scheinbar gleichgiltige Handlungen gegen das Sittengesetz sich vergeht, dafür fehlt ihm jedes Bewusstsein und Verständnis. Der sittliche Begriff der Gottesfurcht aber erstreckt sich nicht nur auf die Unterlassung offenbarer Delikte, sondern auf Dinge, welche dem menschlichen Herzen, dem Gemüt überlassen sind, 2hb uoon *sn2). Darin ist ausgesprochen, dass man bei der Beurteilung der Sünde „aufs Herz und nicht mehr bloss auf die Hände sieht", darin sind eingeschlossen „undefinierbare Fälle, bei denen es sich um etwas handelt, was nicht durch Mass und Gewicht bestimmt, durch feste Normen begrenzt werden kann; weil es dabei ganz auf die Gesinnung ankommt, auf zarte Regungen des empfindsamen Gemüts, auf feinen Tact"3). Die Scheu vor der Sünde ist die negative Seite der Gottesfurcht, die zugehörige positive Forderung enthält das Gebot der Heiligkeit. „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige Euer Gott". Das Urbild und der Urquell der Idee der Heiligkeit liegt in dem Gedanken, dass Gott selbst heilig ist; aber alle Begriffe, welche in der heiligen Schrift zur Erkenntnis Gottes dargeboten werden, bezeichnen nur ethische Eigenschaften und Beziehungen. Das innigste und das edelste Band zwischen Sittlichkeit und Religion hat der Geist des pharisäischen Judentums dadurch geknüpft, dass er den erhabenen Begriff des wwi Wp ausgebildet hat, den Begriff der Heiligung des göttlichen Namens durch des Menschen Sittlichkeit. ») Abot II, 5; vgl. ob. S. 41. 2) Sifra 88 b, b. Baba Mezia 58 b. *) Lazarus,Ethik S. 401; hierhergehört auch die das. Anhg. 41, S. 412, angefahrte Stelle aus Jhering, Geist des röm. Rechts II, 411.