Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 73)
- Language
- German
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- 66 - Gerechtigkeit an. Er fällt und sieht zu, was Gott ihm tun werde; er schaut aus, von wo ihm Hilfe komme"1). Die schwersten Leiden sind dem Frommen teuer und lieb als Schickungen seines Vaters im Himmel, „denn wen Gott lieht, den züchtigt er, wie ein Vater den Sohn, dem er wohl will"2); die Leiden knüpfen das Band zwischen Gott und dem Menschen enger, machen die Vaterliehe zu einer innigeren. Das Martyrium wird als die aufrichtigste Bezeugung der kindlichen Treue übernommen; unter Lobpreisung der Gerechtigkeit Gottes oder mit dem beglückenden Bewusstsein, die „Liebe zu Gott mit ganzem Herzen" erfüllen zu kommen, sterben die Führer der Pharisäer den Opfertod für den Glauben3). Die Schickungen Gottes entspringen nach dieser Auffassung nicht einer uninteressierten, vorurteilslosen Rechtsprechung, diese! wird durchbrochen durch die bei Gott vorwaltende Gnade. Ein Vater kann nicht objektiver Richter sein über seine Kinder, mit der Gerechtigkeit vereinigt sich die Liebe. Mit Gerechtigkeit und mit Liebe hat Gott die Welt geschaffen4), mit Gerechtigkeit und Liebe leitet er sie; bei der Gerechtigkeit allein könnte die Welt in ihrer Sündhaftigkeit und Schlechtigkeit nicht bestehen, die Welt aber wird mit Güte gerichtet5). Gottes Liebe ist weit grösser als seine Gerechtigkeit. „Gott ist gross an Gnade und er neigt sich der Gnade zu" ist ein Wahlspruch der Schule Hillels6); seine Langmut und seine Vergebung übertreffen bei weitem seine Gerechtigkeit und seine Strafgerichte. So wird die Gerechtigkeit durch die Liebe geradezu verdrängt; während in den Psalmen noch Recht und Gerechtigkeit die Stützen des *) Psalm. Sal. 3,4. 5 (Kautzsch II, 133 f). 2) Sifre Deut. 32 (73 b): roitsn p im» nniD»a n»tt> ni« «n» nijn ü. s. w. Der ganze Absatz handelt davon, dass der Fromme des Leidens sich rühmt; das hindert aber Bousset nicht, mit der grössten Sicherheit zu behaupten, „das stolze Wort hat kein jüdischer Frommer ausgesprochen und aussprechen können" (S. 362£). 8) Mech. 68 b: uru i^ttniso . . . epe>^ «si» -fr no . . . :nsvV *m> "fr no d»öbop *a*6 an«^ >b, vgl. ferner die Erzählungen vom Tode der Märtyrer b. Ber. 61b und Semahot Vm. «) Vgl. Ber. r. 12 Ende. e) Ab. HI, 15; neyra nujnie ma nana mits mo Mech. 8 a, 26 a, 68 b, 95 b und sehr oft. «) b. RoS ha§. 17 a.