Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 70)
- Language
- German
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- 63 - Zu Gott als Vater wendet sich der Mensch mit seinen Gebeten1), und wenn alle andere Zuflucht und.Hoifhung schwindet, bleibt der Ruf: Auf wen sollen wir uns stützen? — auf unsern Vater im Himmel2). Das Vaterverhältnis wird auch auf den einzelnen Frommen angewandt; „Vater und Herr meines Lebens" nennt Sirach Gott; in unmittelbarer Beziehung zum „Vater im Himmel" fühlen sich die einzelnen Frommen im Talmud3). An diesem Punkte ist auf den Unterschied im Vaterverhältnis zwischen Judentum und Christentum hinzuweisen. Gewiss hat Jesus Gott mit Vorliebe Vater genannt und seine Jünger gelehrt, dieselbe Anrede zu gebrauchen, aber er hat auch für seine Person ein ganz besonderes Verhältnis zu „seinem Vater" in Anspruch genommen und das seiner Jünger von seiner eigenen Stellung zum Vater abhängig gemacht. „Niemand kennet den Vater denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren" (Mt. 11,27), ein solches Wort kann das Judentum nimmer billigen. Es kennt nur ein unmittelbares, für alle gleichartiges Verhältnis zwischen Gott und Menschen, für das kein Mittler notwendig ist, und es erkennt keinem einzigen Menschen eine solche „Einzigartigkeit des Sohnesverhältnisses" zu, dass er zum Mittler werden könnte zwischen dem Menschen und seinem Vater im Himmel4). Der Zustand der Gotteskindschaft wird folgerichtig auf alle diejenigen Beziehungen übertragen, die auch im irdischen Leben zwischen dem Vater und seinen Kindern obwalten. Von der steten Fürsorge und Versorgung wurde bereits gesprochen; die Sicherheit, mit der sich der Gläubige bei Gott geborgen wusste, hat zuerst zur Bildung des Vaterbegriffes hingeleitet. Gottes Liebe ist bedingungslos gespendet wie die des natürlichen Vaters, „er ist unser Vater, selbst wenn wir ihn nicht suchen, geschweige finden." Mit gleich unbedingter und grenzen- ») jnr, trnp, vgl. die Zusammenstellung in Monatsschrift 1893. S. 496 ff. 2) Sota IX, IB. s) Ueber das Vorkommen des Vater-Unser in vorchristlicher Zeit vgl. Monatsschrift XXXVH, 1893, p. 496 f. *) Zu denselben Consequenzen führt der Satz des Johannes-Evangeliums i „Niemand kommt zum Vater, denn durch mich" (14,6). Sie sind in tief eingreifender Untersuchung ausgesprochen von H. Cohen, Liebe und Gerechtigkeit 96 ff.