Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
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- 55 - gebot der Thora, da alle ethischen Vorschriften, selbst die Pflicht der Nächstenliebe, in ihm einbegriffen sind1). Beruht es auf Unkenntnis oder Böswilligkeit, wenn trotz so unzweideutiger Aussprüche immer wieder von der partikularistischen Verengung, von der nationalen Bedingtheit der pharisäischen Weltanschauung und Moral gesprochen wird, wenn sogar durch haarscharfe Unterscheidungen innerhalb der eigenen Volksgenossen ein Gegensatz zwischen einem kleinen, exklusiven Kreis von gesetzlich Frommen und der grossen Masse statuiert wird? Konnte wirklich der Grundsatz der Einheit des Menschengeschlechts, der Gottebenbildlichkeit aller Menschen schärfer formuliert und klarer als höchstes sittliches Princip hingestellt werden? Wer den Geist des pharisäischen und des rabbinischen Judentums kennt, weiss, dass diese Anschauung nicht Lehre blieb, sondern in die Tat umgesetzt wurde; wir werden bei der Besprechung der ethischen Vorschriften erkennen, Avie sehr die Religion der Pharisäer auf alle Erdensöhne ihr Augenmerk richtet. Die Lehre von dem einen Gott, dem die ganze Welt eignet, schliesst eine Verengung grundsätzlich aus, und die Pharisäer haben keineswegs den Schöpfer des Himmels und der Erde zum Nationalgott herabgesetzt. Sie haben konsequenter Weise gelehrt, dass alle Völker Gott angehören2), überall wo es nur die Fussspuren von Menschen giebt, da ist auch Gott3). Seine Hand ist hülfreich ausgestreckt für alle Menschen, er erhört das Hülfeflehen aller Weltbewohner4). Auch die Auserwählung ist nicht ein Vorrecht Israels, sondern „alle Völker, die auf dem Erdkreis wohnen,. und uns hat Gott geschaffen, sie und uns hat er vorhergesehen von Anfang der Erschaffung des Erdkreises wie bis zum Ende der Welt, und nichts ist von ihm übersehen, bis zum Kleinsten herab, sondern >) Sifra zu Lev. 19, 18 (89 b), Bacher I, 419 f. 2) Mech. 9a: »:sta nn« oj?^> r\h -|f?ni ^»a man yow ^n»»D »mtsn «m» mpo biz 'n <3«, vgl. das. 10b. 3) Mech. 62b: d» m« >^.n n»n »mn nnKt? mpo n'opn ih in« T»3S^ »JK. 4) Sifre Num. 134 (60b) D^iyn bih tuswm ^n»; Mech. 41b rvopn nnpys yow «in weh i'pjroi i1«a n^iyn »sa &*bk; das. 38a: miböi p «wt? oSipn »«a bib,