Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2273546-2273589--1100-2274877- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 48 — Glaube lebendig, die Spekulation gering1), aber in den Kreisen, in denen Juden mit Hellenen Berührung hatten und dem Einfluss ihrer philosophischen Anschauungen ausgesetzt waren, da befassten sich auch die Juden mehr mit der Spekulation über den Gotteswagen. Auch im Talmud werden, nachdem gnostische Irrlehren in Palästina sich zu verbreiten begannen, die Spuren solcher Spekulationen zahlreicher, aber nie vorherrschend. Ganz im Gegenteil gewahren wir das Bestreben, alle Aeusserungen auf diesem Gebiete zu vermeiden, die nach irgend einer Richtung hm Irrtümer hervorzurufen vermochten. Die Reinheit des monotheistischen Gottesbegriffs soll in der strengsten Weise gewahrt werden. Diese Tendenz offenbart sich in den Bibelübersetzungen, in der alexandrinischen sowohl wie in den aramäischen, in denen zielbewusst die Umschreibung der Anthropomorphismen und Anthropopathien durchgeführt wird. Die Uebersetzungen waren für den gemeinen Mann im Volke bestimmt, sie wurden dem Jugendunterricht zugrunde gelegt und durften nichts enthalten, was sinnliche Vorstellungen von Gott wachzurufen und den Glauben des Volkes in falsche Bahnen zu leiten geeignet gewesen wäre. „Doch muss hier genau die philosophische Erkenntnis von der gewöhnlichen Wahrnehmung gesondert werden. Dem gemeinen Verstand ist zuweilen das, was der Spekulation als anthropomorphisch erscheint, ein Begriff, den er von Gott nach seiner Vorstellung nicht trennen kann: Die Spekulation dringt darauf, dass jede Eigenschaft von Gott negiert werde; der gewöhnliche Mensch, der zu den Höhen des abstrakten Forschens nicht gelangt ist, denkt die Eigenschaften Liebe, Barmherzigkeit ff. aufs innigste mit Gott verbunden, und es ist ihm sogar Bedürfnis, sich solche Begriffe von dem höchsten Wesen zu bilden." Auch gewisse Tropen, die allgemein als solche gelten, wie Hand für Macht, Auge Gottes für Vorsehung haben nichts Störendes in sich2). Solche Aussagen sind darum in den Bibelübersetzungen unbedenklich beibehalten, wo aber mit der Metapher etwas wirklieb Körperliches zu denken wäre, da wird es dort umschrieben, ja es werden Begriffe eingeführt, die der Bibel fremd sind. Man sagt nicht, dass Gott sich offenbart, sondern die ') Eine Ausnahme bildet Johanan b. Saccai; vgl. darüber Bacherl, 43 fl. *) Vgl. Frankel, Vorstudien zur Septuaginta 175 f.