Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
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— 36 — deine Pfade ebnen (Prov. 3, 4), von diesem Satze, heisst es, hängen die wesentlichsten Stücke der Thora ah; sogar hei der Sünde findet er noch Anwendung1) d. h. eine scheinbar sündhafte Tat kann durch die tugendhafte Absicht geadelt werden. Heiligkeit wird also gefordert, nicht nur für die Werke, sondern auch für den Gedanken. Der Hass ist verboten, auch wenn er nicht in Worten und Taten sich äussert, auch im Herzen2); wer eine Sünde im Geheimen verübt, verdrängt gleichsam die Spuren des Allgegenwärtigen.3) IV. Die Schriftgelehrten. Um in einem ganzen Volke dauernd eine solche entsagungsvolle Frömmigkeit ungetrübt zu erhalten, dazu bedurfte es der Anleitung und der ständigen Belehrung. Nicht als ob Frömmigkeit lehrbar wäre, das religiöse Gefühl an sich ist der ureigenste Besitz des Menschen und jedem Einfluss von aussen, selbst der Allmacht Gottes — mrfü *n wie der Talmud sich ausdrückt4) — entzogen. Doch was bedeutete die Religion, so sie nur in jenem dunklen Drang in unserem Herzen bestünde, welchen Verirrungen und Trübungen wäre sie nicht ausgesetzt; welche unlauteren Vorstellungen haben sich nicht mit ihr verbunden und welche verabscheuenswerten Handlungen hat sie nicht hervorgerufen. Das Gefühl bedarf durchaus religiöser Lehren und sittlicher Vorschriften, diese sind aus dem Jungbrunnen aller Religion und Sittlichkeit, der Bibel, zu schöpfen; zur Erhaltung eines reinen Glaubens, zur Festigung der aus ihm hervorgehenden Tugend bedarf es der Männer, die in steter Fühlung mit dem religiösen Schrifttum stehen, deren Geist nicht ganz eingenommen ist von den Sorgen der Welt, sondern zu dem Urquell alles Seins und aller Sittlichkeit, zu Gott, sich erhebt. Solche Führer hatten die Pharisäer in den Schriftgelehrten, die darin das Werk der Propheten fortsetzten, dass sie die Befestigung der Religion und Sittlichkeit pflegten. Die Bezeichnung J) b. Ber. 63 a. 2) Sifra Lev. 19,17 p. 88a; Jos. Ap. II, 19, Ende; b. ^ag. 16a. 8) vgl. auch Lazarus, Zur Charakteristik S. 22 ff.; Perles S. 71 ff. 4J b. Ber. 38 b.