Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
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- 35 - sei der Mensch auch im Verborgenen gottesfurchtig, er bekenne die Wahrheit und spreche Wahrheit in seinem Herzen"1). Dein Ja sei stets wahr, und dein Nein sei wahr; sprich nicht anders mit dem Munde, anders mit dem Herzen2). Auch in seinem Herzen muss der Fromme die Wahrheit reden, denn das Innere muss ganz wie das Aeussere sein3), die Handlungen müssen vor dem Richterstuhl des eigenen Gewissens bestehen können. Sie müssen von der richtigen Gesinnung begleitet sein, aus ureigenstem Antrieb des Herzens, und um der Sache selbst willen (mth) unternommen werden4). Zur Schau getragene Frömmigkeit ist weit schlimmer als völlige Unterlassung frommer Handlungen; solche Heuchler müssen entlarvt werden, denn sie bewirken Entweihung des göttlichen Namens5). Was du tust, tue um Gottes willen (Aboth II, 13), nicht um irgend welcher Nebenabsichten willen. Nikodem, einer der reichsten Männer in Jerusalem (um 50) zeichnete sich durch seltene Freigebigkeit aus. Wenn er aus seiner Wohnung hinausging, so erzählt der Talmud, wurden die feinsten Teppiche auf seinem Wege ausgebreitet, und wenn er darüber hinweggeschritten war, durften die Armen kommen und sie sich aneignen. Und dennoch, so wird hinzugefügt, gereichte diese ungeheure Wohltätigkeit seinem Hause nicht zum Segen, weil ein unedles Motiv seinem Handeln zugrunde lag, Eitelkeit und Ehrgeiz.6) Umgekehrt verleiht nach der Auffassung der Alten das edle Motiv auch der kleinsten Handlung hohen Wert; wo die Kräfte zur Vollführung nicht ausreichen, wird dem Menschen auch schon die Absicht als Tat angerechnet.7) In allen deinen Wegen merke auf ihn, und er wird lehren eingeprägt Wurden. Das sind die „Gesetze, mit deren Anforderungen der Knabe von zartester Kindheit an vertraut gemacht wurde." (Schürer II, 423); vgl. oben S. 19 Anm. 4. *) Elia rabba 21 (ed. Friedmann c. 19, p. 118); der Satz ist sicher sehr alt. 2) Sifra 91b; b. Baba Mezia 49 a. 3) b. Berachot 28 a. 4) Vgl. Sifre Deut. § 48 Ende (84b unten): onan tm ioim pra "u H"i p»S oro *on nrfoyß wb (Bacher I, 52). 5) Tos. Joma 5,12 (p. 191). Ueber den Wert der Gesinnung ist ferner zu vergleichen: Tos. Taanit I, 8 (215), jer. das. II, 1 (66a f.). 6) b. Keth. 66 b, vgl. dazu Ev. Mt. 6, 2. 7) Menahot 13,11; Tos. Peah 1,4 (18).