Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 41)
- Language
- German
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— 34 - schaut und den Menschen richtet nach seinem wahren Sein, nicht nach dem Schein1). Die Erbitterung, mit der die Pharisäer die Halben und die gefärbten Mitläufer zurückweisen, zeugt von der Lauterkeit ihres eigenen Wollens, von ihrem unbeugsamen Streben nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Darum begnügten sie sich nicht mit der negativen Tugend, Lüge, Scheinwesen. und Falschheit zu verwerfen, sondern draogen mit dem grössten Nachdruck auf die Betätigungder Wahrheit. Gott der Herr ist ein Gott der Wahrheit, diese Lehre lasen sie tausendfältig in der heiligen Schrift, und die Wahrheit wurde ihnen zu einem stehenden Attribut des Ewigen: das Siegel Gottes ist die Wahrheit2). „Schöneres ist gewiss in der ganzen Weltliteratur von der Wahrhaftigkeit nicht gesagt worden." Bei der Schöpfung der Welt ward die Wahrheit auf die Erde geschleudert, damit sie unter den Menschen sich verbreitete, als welterhaltendes Element aus der Erde hervorsprösse3). „Die Wahrheit bleibt und behält Macht auf ewig, sie lebt und behält Kraft in alle Ewigkeiten... Alle haben Wohlgefallen an ihren Werken.... Ihr gehört die Macht und die Herrschaft und die Gewalt und die Herrlichkeit aller Zeiten! Gepriesen sei der Gott der Wahrheit". Mit diesem Hymnus auf die Wahrheit lässt das dritte Buch Esra den Pagenstreit entscheiden. „Die Wahrheit ist gross, sie ist am mächtigsten"4). Die Wahrheit besteht, die Lüge besteht nicht; das wurde den kleinen Kindern eingeprägt im Anschluss an die ersten Leseversuche5). Das tägliche Gebet enthält die Mahnung: „Jederzeit *) „Nach einem bekannten Worte muss die Tugend da nicht gering im Preise stehen, wo diejenigen, die sie nicht besitzen, sich gedrängt fühlen ihr Kleid zu borgen. Das Vorhandensein von Heuchlern ist deshalb noch nicht das Schlimmste. Schlimmer als wo man aus Scham heuchelt, ist es da bestellt, wo man sich nicht mehr zu schämen braucht, wo, wie Goethe den Valentin sagen lässt, „die Schande auch bei Tage bloss geht." Güdemann in Monatsschrift XLVH, 1903, S. 43. 2J jer. Sanhedrin I, 1 (18 a). 8) Ber. rab. cap. 8. *) HI Esra 4,38ff. (Kautzsch I p. 9). 6) b. Schabbat 104a; nach jer. Megilla II, 1 (71 d), Ber. rab. c. 1 haben schon R. Elieser und R. Josua (geb. um 60) den Unterricht in derselben Weise erhalten. Es ist höchst beachtenswert, wie den Knaben im Anschluss an den Unterricht im Alphabet sogleich die erhabensten Sitten-