Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
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— 33 — Diese Baraita, die sich durch eine altertümliche, knappe, fast änigmatische Sprache auszeichnet und offenbar aus sehr alter Zeit herstammt, enthält eine Art Spitznamen für scheinheilige Pharisäer, etwa die Quintessenz Ton der herben Strafrede des Evangeliums, der sie vielleicht gar als Quelle diente. Damit ist die Existenz von Heuchlern keineswegs geleugnet, es geht aus den rabbinischen Schriften klar hervor, dass solche vorhanden waren, doch nicht das System, nicht das Pharisäertum trifft die Anklage wegen der Verworfenheit einiger, die sich zu ihm bekannten, ganz im Gegenteil wurde der innere Schaden erkannt, und ohne Scheu wurde der Finger in die Wunde gelegt. Heuchler hat es stets und in jeder Gemeinschaft gegeben und wird es geben, solange es Menschen gibt. Immer und in jeder Glaubensgemeinde werden sich Leute finden, die die Religion äusserlich auffassen, die eine gewisse Kirchlichkeit zur Schau tragen1), die aber in ihrem Charakter von der veredelnden Wirkung der Religion wenig merken lassen. Da ist es ganz gleichgiltig, ob die betreffende Religion wenig oder viele Formen hat, oder ob sie gar auf ein blosses Bekenntnis' des Glaubens sich beschränkt. Es wird immer Menschen geben, die sich die Lehre zu Nutzen machen „dass der Mensch nur ins Auge sehen kann" und darum an dem frommen Augen-Aufschlag sich genug sein lassen; nur allzuleicht vergisst es sich, dass Gott ins Herz 3) Phar. welche mit gesenktem Auge gehen, um keine Frau anzusehen (und dabei den Kopf an die Wand anrennen); 4) Phar. welche aus Scheinheiligkeit gebückt gehen (oder nach Anderen solche, welche einen Asketenmantel tragen); 5) wie oben 6; 6) Pharisäer welche Gutes tun, um dafür belohnt zu werden, 7) die das Gute aus Furcht vor Strafe tun. Auch 6 u. 7 werden hier getadelt. *) Wären die protestantischen Theologen nicht gewöhnt, Christentum und Judentum mit verschiedenen Massen zu messen, dann würden sie auch mit der Anklage der Heuchelei vorsichtiger umgehen. Es soll hier nicht auf Gal. 2,12 verwiesen werden, wo Paulus dem Petrus vorwirft, dass er selbst geheuchelt und Barnabas zur Heuchelei verleitet habe, das mag mit der Empfindlichkeit des Paulus erklärt werden. Aber sein eigenes Verhalten in Jerusalem, die Bereitschaft, sich der Nasiräerim Tempel anzunehmen (Act. 21,24), vermag nicht leicht gerechtfertigt zu werden. Einen solchen Widerspruch zwischen Denken und Handeln erklären dann die Apologeten sehr schön als „Akkomodation in Adiaphoris." Niemand wird den Charakter des Paulus nach diesem vereinzelten Fall beurteilen wollen, aber dieselbe vorsichtige Abwägung aller Momente sollte billiger Weise auch dem Judentum gegenüber geübt werden. 3