Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
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- 80 — Wort „Heuchler" hinzugetreten. Und wie so oft gerade das Hassliche und Falsche mit unglaublicher Zähigkeit sich fortpflanzt, so hat auch diese Bezeichnung und hat diese Anschauung sich erhalten, dass die Pharisäer nichts als Heuchler, als Scheinheilige sind, „von aussen vor den Menschen fromm erscheinend, aber inwendig voller Heuchelei und Untugend." — Tiefer eindringende Forschung hat freilich eine grosse Anzahl von Gestalten gefunden, deren lautere Frömmigkeit und innige Gottergebenheit über jeden Zweifel erhahen ist. „Wir würden den Führern der Frommen... sicher Unrecht tun, wenn wir jenes Urteil Jesu schlankweg auf sie anwenden wollten." Trotzdem hat die moderne Wissenschaft jenes Urteil keineswegs aufgegehen oder eingeschränkt, sondern es tendenziös nur noch verschärft, indem sie das neue Wort vom „Durchschnitt der Frommen" in die Literatur einführte, das nunmehr mit dem Anspruch eines gültigen Begriifs in allen möglichen Wendungen auftritt1). Man gibt sich den Anschein wissenschaftlicher Vorurteilslosigkeit durch das Geständnis, dass die Polemik des Evangeliums gegen den Pharisäismus in ihrer Schärfe nicht allgemeine Giltigkeit habe, bildet sich aber sofort eine ,,Durchschnittsfrömmigkeit" und eine „durchschnittliche Moral des Pharisäismus", für die diese Kritik immerhin berechtigt gewesen sei2). Zur Annahme eines solchen Durchschnitts berechtigt das Neue Testament keineswegs, vielmehr bietet uns das Verhalten Jesu die tatsächlichen Unterlagen für einen ganz anders gearteten Durchschnitt pharisäischer Frömmigkeit. Jesus zählte Pharisäer zu seinen Anhängern, einer der Jünger gehörte sogar zur fanatischen Partei der Zeloten (Act. 1,13); er ging hinein in des Pharisäers Haus und setzte sich zu Tisch (Luc. 7, 36), Pharisäer warnten ihn vor der Gefahr, die ihm von Herodes drohte (das. 13,31). Mit dem Pharisäer, der nach den Grundgeboten des Glaubens fragte, war er in völliger Uebereinstimmung darin, dass Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen die „vornehmsten Gesetze" waren (s. oben S. 29). Dem bussfertigen Jüngling, der das „ewige Leben zu ererben" wünschte, Eine Anzahl solcher Stellen hat Perles in seiner Schrift „Bousset's Religion des Judentums" etc. p. 38, Anm. 4 gesammelt; sie enthalten eine unglaubliche Masse von Verkehrtheit. 2) Vgl. Bousset S. 118.