Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
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ist ihm gleich: Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst. Es giebt kein ander grösser Gebot, denn diese. Und der Schriftgelehrte sprach: Meister, du hast wahrlich recht geredet; denn es ist ein Gott und keiner ausser ihm. Denselbigen lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen und lieben seinen Nächsten als sich selbst, das ist mehr denn Brandopfer und alle Opfer1)". Der Pharisäer ist (nach diesem Gespräch) gewohnt unter den Geboten, Auswahl zu treffen, wichtige und minder wichtige zu unterscheiden, es steht ihm nicht alles auf einer Fläche, sondern Liebe und Barmherzigkeit sind ihm das höchste in der Religion. Jesus hat keine für den Pharisäer neue Offenbarung ausgesprochen, sondern nur wiederholt, was dieser längst wusste, über den Sinn und Umfang der Nächstenliebe und über ihren Zusammenhang mit der Liebe des Einen Gottes2). III. Wahrhaftigkeit und Heuchelei. Die Religion war also bei den Pharisäern, das dürfen wir als Ergebnis herausheben, auf das Höchste und Innerste gerichtet, sie bestand in „Gotteserkenntnis und Gottesfurcht, war ein Atmen in der Gegenwart Gottes"3). Aber in den Evangelien wird nun einmal den Zeitgenossen Jesu die Anklage des Mückenseigens und Kameele-verschluckens ins Gesicht geschleudert, diesen Angriffspunkt will auch die moderne christliche Theologie sich nicht entreissen lassen. Was helfen, so sagt sie, alle die schönen Sprüche der Rabbinen und Anschauungen einiger Auserwählten, wenn sie im wirklichen Leben doch nicht befolgt wurden, wenn da der ärgste Abstand zwischen Wort und Tat, ein schreiender Widerspruch zwischen Denken und Handeln sich bemerkbar macht. „Nach ihren Werken sollt ihr nicht tun; sie sagens wohl und tuen's nicht", so lautet die Einleitung zur grossen Strafrede des Matthäus über die Scbriftgelehrten und Pharisäer, und auf diesem Grunde ist als dritte ständige Bezeichnung derselben das *) Ev. Mc. 12,28-34. 2) Vgl. dazu die vortrefflichen Ausführungen bei Cohen, Liebe und Gerechtigkeit in den Begriffen Gott und Mensch (Jahrb. der Vereine f. jüd. Geschichte u. Liter. 1900) S. 93 f. 8) Jes. 11,2.8.