Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
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— 28 - sich von Treue leiten lässt, dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Thora erfüllt1). Wollte man die Israeliten charakterisieren, dann bezeichnete man sie nicht nach ihren rituellen Eigentümlichkeiten, sondern in ihrer Eigenschaft als Mildtätige, Barmherzige charakterisierte man sie2). Zählte man die besonderen Tugenden vorbildlicher Männer der Vergangenheit und Gegenwart auf, dann wurden ihre sittliche Festigkeit, ihr ethischer Wandel als nachahmenswert angegeben: Demut, Lauterkeit des Charakters, Scheu vor Sünde3). Führte man die „613 Gebote und Verbote" auf Prinzipien zurück, dann suchte man ausschliesslich sittliche Prinzipien dafür, wie in der Predigt des R. Simlai4). Die Thora lehrte nach Meinung der Pharisäer nicht „eine Zersplitterung des göttlichen Willens in eine Summe von positiven Geboten, die alle gleichwertig waren5)", sondern nur die folgenden Sätze: „Nehmet auf Euch das Joch der Herrschaft Gottes, leitet einander an in Gottesfurcht und verfahret gegen einander in Menschenliebe6)". Von den Essäern sagt Philo: Sie prüfen alle Dinge nach folgender dreifacher Regel, ob sie* mit der Liebe zu Gott, mit der Liebe zur Tugend und mit der Liebe zu den Menschen übereinstimmen7). „Am nächsten verwandt der Frömmigkeit und ihre Zwillingsschwester ist die Tugend," das Wort stammt zwar aus Alexandrien, aber sein Inhalt ist doch echt pharisäisch. „Und es trat zu ihm (Jesus) einer der Schriftgelehrten und fragte ihn, welches ist das vornehmste Gebot von allen? Jesus antwortete zunächst mit: Höre Israel „das ist das vornehmste Gebot von allen, und das andere J) Mechilta 46 a. 2J Vgl.b. Jebam. 79a nnon 'taui p»«arn o'aamntt noi«att»d»3ö»d rwbw Drei charakteristische Merkmale hat das Volk Israel: Barmherzigkeit, Demut und Wohltätigkeit; b. Jörn tob 32b: b» ijniö mrw yn»a mnan by omon bs W2» cmaK Wer sich der Menschen erbarmt, von dem ist sicher, dass er von Abraham abstammt. 8) Vgl. von Joseph Mech. 25 b; Akabja b. Mahalalel in Edujot V, 6. 4) Graetz, Geschichte IV, 244. Hierher gehört auch Hillel's berühmte Zusammenfassung des Religionsgesetzes in die Nächstenliebe, vgl. darüber in Cap. IL 5) Vgl. Pfleiderer a. a. 0. p. 643. 6) Sifre Deut. § 323 p. 138b: b\v taa^y iSap (minn) nnb no« noi m^'öja nt n« nt unanm o»öb> jinvs m rm m lynam o»öp ma^ö D'TDn. ') Quod omnis probus Über II, 468.