Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Journal
- Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin
- Volume
- 22.1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2273546-2273589--1077-2274854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 25 — Sabbathgebot zu übertreten, wenn dadurch die Idee des Sabbaths gerettet wird. „Denn der Sabbath ist Euch übergeben, Ihr aber seid nicht übergeben dem Sabbath"1). „Ein Passah ist es dem Ewigen d. h. alles was dabei geschieht, muss zu Ehren Gottes geschehen"2). Oder die religose Uebung sollte zu den religiösen Gedanken hinlenken. „Was liegt Gott daran, ob einer das Tier zum Genuss nach vorgeschriebener Weise tötet oder nicht? Oder was liegt ihm daran, ob er Reines oder Unreines geniesst? Aber „wenn du weise bist, bist du für dich weise", sind doch die Gebote Gottes gegeben um den Menschen zu lautem3)." Ganz dasselbe schreibt das Buch Henoch4): Der Herr bedarf nicht Brod noch Licht, noch Speise oder Rinder, sondern damit prüft er das Herz der Menschen. Oder beim Gebot der Schaufäden: „Ihr sollt nicht nachgehen nach Eurem Herzen und nach Euren Augen", Herz und Auge sind die Makler des Leibes, die ihn zur Sünde fuhren, darum sollt ihr meiner Gebote eingedenk sein und danach handeln5). Da ist überall der erzieherische Wert *) Mechilta 103 b, vgl. 104 a. Desselben Arguments bedient sich fast wörtlich Jesus bei Mc. 2, 27. Dazu bemerkt Pfleiderer, Urchristentum I, 344: „Dieses Wort ist eine Appellation an das natürliche sittliche Gefühl und zugleich an den gesunden Menschenverstand, nach dessen Urteil das Wohl der Menschen der Selbstzweck ist, zu dem sich jedes statutarische Gebot nur als dienendes und untergeordnetes Mittel verhält, dessen Wert und Geltung daher immer nach der höheren Norm jenes Zweckes zu beurteilen ist; ein Wort, mit dem die Axt an die Wurzel der positiven Gesetzesreligion gelegt, nach der eben das Statutarische als solches für das unbedingt Höchste gilt." Aber die „positive Gesetzesreligion", womit natürlich auf das Judentum zur Zeit Jesu abgezielt sein soll, existiert nur in der Phantasie protestantischer Theologen, die einer Folie für ihr Jesusbild bedürfen; mit dem Vorkommen eines solchen Satzes in der rabbinischen Literatur sollte in der Tat die Axt an die Wurzel des Vorurteils gelegt werden. Welche erhabenen Sätze tiefen religiösen Wertes enthält doch das viel geschmähte rabbinische Schrifttum, wo es das Glück hat in den Evangelien Parallelen zu finden; da wird man versucht das Wort der Mischnah hierauf zu übertragen: Die Ideen des Judentums sind so schön, aber infolge der schwachen Position seiner Bekenner werden sie entstellyNedarimIX, 10). 2) Mechilta p. 7 b, Sifre Deut. § 128. 8) Tanchuma >j>ob> No. 12 ed. Buber p. 30. «) II Hen. 45, 2. Tanchuma nbv 31 p. 74.